vOm bAume dEr eRkenntnIs

Diotimas E.Q.
Über philosophisches Ethos und emotionale Intelligenz

Seit ein paar Jahren hat das Schlagwort der „emotionalen Intelligenz“ Hochkonjunktur. Unter der Rubrik Lebensratgeber können heute auch soziale Kompetenz, Intuition und Lebensklugheit im Psychotestverfahren erworben werden: Wo Verstand und Gefühl, Intuition und Handlungsweisen in Einklang stehen, addiert der E.Q. humanistische Ideale und „weibliche“ Kardinaltugenden. Wer das Herz am rechten Fleck trägt, so das Versprechen der Bestseller, dem gelingt auch der intelligente Einsatz dieses kostbaren Vermögens.

Anleitung zum Weiblich-Sein: neuer Trend, alter Hut

So erlangt der E.Q. seine Geltung als Kapital, dessen strategische Weiterbildung zum unbedingten gesellschaftlichen Erfolg führt, und das ehemals „schwache Geschlecht“ ganz ohne Schulterpolster die Führungsposition der „Powerfrau“. Wenn auch in der letzten Männlichkeitsbastion des TV-Krimis „weibliches Gespür“ die Stelle der Whisky-Zigarren-Trenchcoat-Lösung antritt, ist der neue Trendsetter der Diplompsychologen doch ein alter Hut. Denn dass „weibliche Führungsqualitäten“ und „emotionale Intelligenz“ nicht nur haushälterische Fragen und Partnerschaft betreffen, war schon in der Antike bekannt.
Diotimas erotisches Universum

Den Grundstein für die Apotheose besonnener Weiblichkeit legte Platons Symposion mit der Figur Diotimas. Bei einem Trinkgelage unterhalten sich alte Philosophen und junge Tragödiendichter durch Laudationes auf Eros. Dabei erzählt Sokrates von seinem Gespräch mit der „Seherin“ aus Mantinea, deren Weisheit sich einer universalen Erotik verdankt: Eloquent schwingt sich ihr Diskurs vom Begehren des schönen Leibes zur Erkenntnis des Wahren empor, und zeigt dabei, was Emotion und Intellekt gleichsam bewegt: Leibliches wie seelisches Begehren ist immer Begehren von etwas. Es bedeutet, dem Wollen eine Richtung zu geben.

Eros versinnbildlicht den Motor dieses Bestrebens. Diotimas mythische Genealogie lässt ihn aus dem Intermezzo von Poros (Reichtum) und Penia (Armut) hervorgehen. So verliert er zwar seinen Status als schöner und allwissender Gott, avanciert jedoch zum dynamischen Prinzip: Wenn das Begehren seinen Ausgang vom Gefühl eines Mangels nimmt, und Eros für das Begehren am Schönen steht, kann er logischerweise nicht zu den Glückseligen gehören. Dafür repräsentiert er die unendliche Suche nach Teil-Habe: Als obdach- und heimatloser Nimmersatt ist Eros ein in seiner Not erfinderischer Vagabund.

Die höchste philosophische Weihe

Im Zyklus der platonischen Dialoge ist die Diotima-Passage mehr als eine Anekdote, welche unter der nachträglichen Begriffsbildung der platonischen Liebe Furore machte. Diotima spricht nicht von Erkenntnis als Sublimierung des Eros, sondern der grundlegenden Einheit von Liebes- und Erkenntnistrieb. Diese Linie führt von erotischer Bedürftigkeit zur Suche nach Weisheit: Erst dem Wissensdurst entspringt Einfallsreichtum. Ebenso liegt der Keim für neue Gedanken(verbindungen) nicht in Antworten, sondern in Fragen: Die Bedingung der Möglichkeit von Philosophie.

Das Gespräch, das als interaktives Fragespiel performativ voranschreitet, verkörpert dieses Ethos. Diotimas Diskurs ist dialogisch - und darin nicht nur Inbild der platonischen Philosophie. Schließlich erfährt Sokrates hier von den Lippen einer Frau die „höchste Weihe“, den didaktischen Ursprung seiner Fragetechnik und der ihr immanenten „Ironie“: Ich weiß, dass ich nichts weiß – denn erst aus dem Bewusstsein des Mangels entsteht der Wunsch, diesen zu überwinden.

Vorsicht: erotische Hebamme

Es hat vielleicht nur drei wichtige Frauen(typen) im Leben des barfuß wandelnden Philosophen gegeben: Xanthippe, vor deren Gekeife der Pantoffelheld lieber flieht, um als Vagabund auf dem Marktplatz mit jugendlichen Anhängern zu diskutieren. Die Mutter, deren Hebammenkunst (maieutik) er sich zum Vorbild macht. Und Diotima, die geistige Mutter des Sokrates: Eine erotische Hebamme der Gedanken gibt/nimmt Kurs für/auf die „Zeugung und Geburt im Schönen“. Bekanntlich konnte nicht einmal der Schierlingsbecher diesem Zyklus seelischer „Befruchtung“ ein Ende setzen.

Wissensdurst und subversives Denken galten schon in der Antike als gefährlicher Regelverstoß, dem nur zwei Mittel gewachsen waren: Entweder Personen/Ideen vertilgen oder dieselben dem System unter anderem Namen einverleiben. Vielleicht ist auch aus Platons Diotima weniger die dialektische Denkerin, als die „gebildete Hetäre“ geworden, weil man sich die Weisheit einer Frau innerhalb des antiken Bildungssystems nicht anders erklären konnte. Diotimas brillante Rhetorik ließ sich nur schwer zu- oder unterordnen.

Subversion der Ein-Bildungskraft

Erst ein Aufsatz des Romantikers Friedrich Schlegel verhilft zu neuen Ansätzen. A la Diotima/Sokrates hinterfragt seine Revision die gängige Lehrmeinung (doxa), dass nur eine Hetäre wie Aspasia geselligen Umgang mit Männern und Bildung hatte. Um zu einem neuen „Bilde griechischer Weiblichkeit“ zu kommen, umfasst Schlegels Schau gleich vier Gruppen von Bürgerinnen, neben den Pythagoräischen Frauen auch unübertroffene lyrische Dichterinnen, die das „Privileg“ des Gedankenaustausches genossen.

Obwohl der Autor der Lucinde einräumt, dass Symposien unter Ausschluss von Frauen stattfanden (auch Sokrates vertritt Diotimas Weisheit) – findet er auch ein antikes Plädoyer für deren Gleichstellung. Was Schlegel historisch aus der platonischen Politeia herleitet, ist zugleich ein Postulat für seine eigene Generation: Nämlich das Geschlecht der Gattung und dadurch einer allgemein menschlichen Bestimmung unterzuordnen.

Diotimas E.Q.

Da können auch die Fürsprecher der emotional intelligenten „Powerfrau“ etwas lernen. Überhaupt erstaunt es, wie wenig sich die neuen Lebensleitlinien auf ihre Traditionen besinnen: Diotimas emotionale Intelligenz als Motivationstraining für junge und dynamische PersonalmanagerInnen? Dagegen lässt der antike E.Q. Diotimas „erotische Qualität“ nicht als Aushängeschild einer Firmenphilosophie, sondern als (un)still(bar)es Verlangen für sich selbst arbeiten. Ein letzter Hinweis: Die aus dem Nachfragen hervorgehenden Angebote sind nicht käuflich.

d. maas


 

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