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Wem die Stunde schlägt: Pendelverkehr

Berlin: Eldorado der Müßiggänger. Nicht erst seitdem die Regierung Einzug hielt, zelebriert man hier traditionell das Nichtstun. Tag und Nacht im unbeirrbaren Glauben an Freizeit und Feierabend trödelt die Berliner Bevölkerung durch ihre Stadt. Nur circa 40% der Erwerbstätigen gehen hier auch tatsächlich einer geregelten Arbeit nach, der Rest schiebt irgendwo in der Kneipe um die Ecke eine ruhige Kugel. Berlin ist stressfrei und mühelos.

Deshalb hat sich der hiesige Verkehrsbetreiber Gedanken gemacht und beglückt die mußevollen Bürger nun mit einem neuen Freizeit-Trend: Seitdem nach Abklingen der überstürzten Baumaßnahmen der Schienenersatzverkehr zunehmend aus der Mode gekommen ist, wird P e n d e l v e r k e h r zum neuen Happening der öffentlichen Verkehrsteilnehmer.

Pendelverkehr, quasi aus dem Nichts und über Nacht auf den Fahrplan gebracht, avanciert zum schicken Berliner traffic-event. Die Idee ist denkbar einfach: Man wechselt jeden Bahnhof nicht nur den Zug, sondern auch das Gleis, wobei es eine besondere logistische Meisterleistung der hiesigen Betreiber ist, den Verkehr trotzdem in die gewünschte Richtung zu lenken. Insbesondere für das gutgelaunte Berliner Party Publikum ergeben sich hier neue Perspektiven des location-hopping.

Aber auch für die Fahrgastbeförderer selbst ist der Pendelverkehr eine gelungene Abwechslung. Das viele Rangieren hin und her und vor und zurück hielte zwar ganz schön auf, aber es bliebe jetzt mehr Zeit, um die Grenzen zwischen Personal und Klientel durch lockere Gespräche zu überbrücken. Man zeige insgesamt mehr organisatorische Kompetenz und habe in der Zwischenzeit auch das Angebot an Erfrischungsgetränken und Finger Food in den Automaten aufgestockt, so ein Sprecher des Pendelverkehrsministeriums, das als Schirmherr die kundenfreundliche Aktion betreut und bei der Koordination technische Hilfestellung gewährt.

Der neue Run auf die Schiene macht Schule: Mittlerweile gibt es sogar einen Pendelverkehr Fan-Club, bei dem man die aktuellen Termine vorab im Internet erfragen kann. Dichtes Gedränge und lange Wartezeiten sind garantiert.

e. stern

 

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