vOm bauMe dEr eRkenNtnis
Philosophie
der Laufmasche
Unbequem
auf einem thronähnlichen Samtpolstermöbel erhöht, die
Beine kerzengerade ausgestreckt, scheitert der Versuch, mit den Fußspitzen
den Boden zu berühren, während man mit dem Kopf beinahe
an die Decke stößt.
Das Regieren
ist nur den Untertanen fremd, sagt man. Diese Denkart nennt sich das
Bedingtsein. Hierzu bedarf es nichts weiter als der vorherrschenden
Verhältnisse. Als solche werden betrachtet: eine Kleiderfalte
aus der senffarbenen Hose des Oberstudiendirektors Loit, als sie letztmals
auf einem mit Hoffmanns Spezialklebstoff bestrichenen Drehstuhl ausgebreitet
Halbkreise andeutete, in Glas eingerahmt neben zwei Ansichten der
Lorelei in Öl, aufbewahret wegen des kuriosen Umstandes, weil
sie sich, obwohl von zwei verschiedenen Malern ins Werk gesetzt, ähneln
wie ein Ei dem anderen, beide wie Schwestern das goldenen Haar verlockend
mit einem goldenen Kamm kämmend, darunter ein Holztisch ohne
Beine mit unerreichbarer Bodenhaftung, ferner zwei defekte Kugelschreiber,
aus denen sich im Notfall leicht ein funktionstüchtiger herstellen
ließe, ein kleiner blauer Pingpongball, mit dem man phantastische
Geräusche auf der nachgedunkelten Tischplatte machen kann, ein
Paar henkellose Teetassen aus Sicherheitsglas, die eine längst
vergangene Zweisamkeit andeuten, sowie ein grob gemusterter Parkettschoner
aus dem vorderen Orient, auf dem sich noch deutlich der Schatten eines
Wachsflecks, inzwischen unsichtbar geworden durch den Verlust der
Tischbeine unter den Loreleischwestern, im Scheine einer in ungeschickten
Händen flackernden Kerzenflamme an den Wänden abhebt, zwischen
denen sich der Raum aufhängt, wie ein Bilderrahmen.
Erinnerungen
an die schweißtreibende Geschäftigkeit eines Pariser Sommertages
und an die eingangs eingenommene Haltung, die eigentlich die eines
marokkanischen Teppichhändlers auf einem Wochenendmarkt in der
östlichen Peripherie war, dessen französisch nach Kehlkopfkrebs
klang, wahrscheinlich die Folge ununterbrochener Preisverhandlungen.
Die Teppiche
liegen aufgerollt zu beiden Seiten des wie ein Großmogul auf
einem weiteren Teppichstapel thronenden Händlers. In der linken
hält er eine Art Wedel, ein kleiner, bläulich schimmernder
Federbusch an einem biegsamen, gertenartig sich verjüngenden
Holz befestigt, mit dem er das ganze Geschehen beaufsichtigt und zugleich
in die gewünschten Bahnen lenkt. Zwei Jungen, offenbar seine
Söhne, springen auf jeden Wink des Stöckchens herbei, entrollen
in Windeseile das bezeichnete Gewebe und während der Patriarch
noch einmal den Preis wiederholt und dabei seinen Wedel, mit dem er
agil in Richtung der potentiellen Käufer gestikuliert, wie einen
Taktstock tanzen lässt, rollen seine beiden Jungs den Teppich
bereits wieder vor aller Augen zusammen, um die nächste Kostbarkeit,
auf die das gefiederte Stöckchen aufmerksam machen will, der
staunenden Öffentlichkeit zu präsentieren.
Man ist nur
aus Neugier in die Menge der Käufer geraten und mehr durch die
suggestive Kraft des Zauberstäbchens und das geflügelte
Wort des Händlers, der offenbar das Interesse für seinen
Federbusch bemerkt hat, als durch eigenen Willen dazu genötigt,
wird ein weinrotes mit samtgrünen Arabesken verziertes Fußbodentextil
vom Ausmaß einer größeren Tischtennisplatte ersteigert,
bereits farblich ein Unding, aber umso billiger und ohne Zweifel mit
original orientalischer Ornamentik, die bei regelmäßig
guter Pflege und Behandlung den ganzen Komfort aus tausend und einer
Nacht ermöglicht. Für schlappe 100 Francs bekommt man zusätzlich
noch einen original persischen Teppichklopfer, und auf den Flügeln
dieses Läufers, ihm mit dem Klopfer wie mit einer Reitgerte die
Sporen gebend, setzt man sich zu Fuß in Bewegung.
Bereits diese
Verkehrstechnik hängt zusammen mit dem leichtfüßigen
Gang, die den schwergängigen Parkettschoner in einer noch ungewissen
Zukunft mit einem schonungslosen Bügeleisen in Verbindung bringen
sollen. Denn durch einen gänzlich unvorhersehbaren Moment von
Ballanceverlust verdichtete sich damals das rotgrüne Gewebe unzertrennlich
mit dem eindringenden Brennstoff, der sich in kürzester Zeit
zu einem neuen Kontinent verhärtete und der künstlichen
Symmetrie des Teppichmusters eine geradezu revolutionär natürliche
Note hinzufügte.
Die leichtfüßigen
Urheberinnenhände hatten sogleich Zeitungspapier und Bügeleisen
zur Hand, dass sich nun vom Möbel aus dem hintersten Winkel in
ein Werkzeug aus dem vorderen Orient verwandelte. Wer diesem Verfahren
noch nie selbst beigewohnt hat, wäre erstaunt gewesen, zu beobachten,
wie sich durch die Hitze der fachmännisch bügelnden Hände
die Druckerschwärze der Zeitung nun gleichmäßig auf
Teppich und Bügeleisen verteilte, so dass zwei zusätzliche
Spiegelschriften als Abzüge eines Artikels über die damals
noch aktuelle Außenpolitik entstanden.
Hier wäre
nun ein Konditionalsatz gefragt, wenn das Eisen nicht nur vom Staube
befreit worden, sondern auch nie mehr kalt und kein Hemd mehr ungebügelt
geblieben wäre, wenn der Teppich seine Funktion getan und das
Parkett geschont, wenn nicht der auf demselben im Eifer des Gefechtes
mit dem peinlichen Malheur unachtsam abgestellte Bügelapparat
den Ein- und Abdruck der Druckerschwärze glanzvoll überboten
hätte, und wenn es da nicht das seitenverkehrt leichtfüßige
Pendant zu den feingliedrig doppelt linken Händen, denen die
Promotion von Kerze zu elektrischer Hitze ohnehin kaum zuzutrauen
war, gegeben hätte.
Neben anderen
anziehenden Accessoires wie das durch Knöpfe, Haken und Ösen
an Ketten aufgezogene Gering von Perlenschmuck oder Halsband zwischen
an der Leine oder am Schnürchen laufen, neben Pelz- und Spitzenbesatz,
oder den leider ganz aus der Mode gekommenen Korsetten, findet man
erst in dem eleganten Wiegeschritt die Vollendung gutgekleideter Weiblichkeit.
Auch im Vorübergehen noch durch das augenzwinkernde Rücken
von Hüften und Hüten die steifen Hälse zu verrenken
und sich als Orpheus-Effekt zu verabschieden, ist das Gesamtkunstwerk
der filigranen Stelzentechnik. Die ungewisse Statik dieser stöckelnden
Gangart, unter ständiger Gefahr, dass die spielerische Balance
in den Hüften unter Einsatz der Gesäßmuskulatur auf
dem Absatz kehrt macht und die hohen Hacken unmilitärisch zusammenschlägt,
spielte auch damals die tragende Rolle als tragische Kerzenträgerin.
Der Blick
zurück ist immer ein Einwegtaschentuch. Dabei ist gerade die
Materialität eine Generationsfrage: Bis zum geschlechtsübergreifenden
Triumphzug der Jeans war das ultimative Beinkleid der Frau zweifelsohne
die Seidenstrumpfhose. Mit viel Charme, Chic und Schenkel stellte
sich das weibliche Pendant zur Achillesverse seinem potentiellen Hang
zu jenem fatalen Riss, der sich als fleischgewordene Nacktheit aus
der Nähe wie eine Wunde in den schamhaften Blick bohrt und die
niedergeschlagenen Augen unter der reizenden Hülle der Entblößung
an die Oberfläche aufgeplatzter Nähte treibt.
Seide ist
ohne Zweifel der Stoff, aus dem die Träume sind. Noch vor Erfindung
des Nylons verliebte sich Großmutter nur ein einziges Mal, nämlich
in einer durch die Kriegswirren stürmisch verdichteten Hochzeitsnacht,
als während eines zweitägigen Fronturlaubes das Aufgebot
bestellt, Hochzeit gehalten und eine Halbwaise gezeugt werden musste,
bevor eine ziellose Granate den einfachen Soldaten zum Obergefreiten
befördern konnte. Großvater hatte als Hochzeitsgeschenk
ein paar schwarze Seidenstrümpfe mitgebracht, bei deren Anblick
Großmutter in Tränen ausbrach, vielleicht, weil die Idee
absurd war, eine ausgewachsene Frau könne in diesem engen Maschen
Platz finden, ohne entweder sich selbst oder den Stoff zu zerreißen.
Seidenstrümpfe waren damals eben eine Seltenheit.
Aber bereits
bei der ersten Anwendung offenbarte das Material seine Tücken:
Beim traditionellen Schwellenhub zur Hochzeitsnacht blieb Großmutter
mit der linken Ferse an einem vorstehenden Nagel hängen und ruinierte
damit das kostbare Beinkleid. Während Großvater damals
ihren kleinen Leberfleck an einer delikaten Stelle ihres Spielbeins
durch die sich bis in den Schambereich hinaufziehende Laufmasche Gelegenheit
hatte, zu entdecken, sah Großmutter in dieser Szene noch lange
ein schwarzes Omen. So geriet der Leberfleck auch über die telegraphische
Nachricht vom Tode des frischverheirateten Mannes nicht in Vergessenheit,
und die schwarze Seide der Strumpfhose wurde kurzerhand in einen Trauerflor
für die leichenlose Beerdigung des irgendwo an der Ostfront zerrissenen
Leibes umgearbeitet. Dies geschah in einer anderen Zeit, in einer
Zeit, in der die Witwen unverheiratet und schwarz blieben, wo es noch
zum guten Ton gehörte, denselben nicht zu verletzten.
Zu Großmutters
Zeiten galt für wohlerzogene Mädchen noch die Erziehungsmaxime,
nicht auf Bäume zu klettern, während man die Buben geradezu
auf dieselben hinaufprügelte, um die Reifezeit ihrer Adamsäpfel
zu verkürzen. Auch wenn das Baumnymphentum bereits im Altertum
weit verbreitet war, und besonders Nadelbäume, wegen der haushälterischen
Komponente des Nähens, Stickens und Stopfens, (wir denken an
Penelope und natürlich an die Parzen, die nicht nur für
die Qualität der Nabelschnur, sondern auch für die Länge
des Lebensfadens zuständig waren), einen erzieherischen Ansatz
verraten, wollte vor Freud niemand kleine Mädchen auf einen Phallus
klettern sehen. Der Vergleich mit Rosen und anderen blütentragenden
Blumenschönheiten wurde nicht nur aus Höflichkeit, sondern
vor allem aus kulturellem Unbehagen verwittertem Efeu oder hochaufschießenden
Bohnenranken vorgezogen. Kein Stamm ohne Wurzeln: Auch in dieser Kleiderordnung
regierten die Tabus.
Das Feigenblatt
des homo vestitus wird erst durch den Minirock der femme fatale vollends
auf den modischen Sockel der weiblichen Laufstege gehoben, während
mancher zukünftige Schlipsträger seine kleine Schwester
früher mit Hilfe der sogenannten Räuberleiter dazu überreden
musste, auf den Baum des Nachbarn zu klettern, um unten im Publikum
die verbotenen Früchte unschuldig, weil von fremder Hand herabgereicht,
genießen zu können. Dieser paradiesische Regress, durch
das Spalier eines Lattenzaunes, der selbst auf Zehenspitzen noch um
Haupteslänge überragte, als Augenweide beobachtet, prägte
nicht nur die männliche Kindheitserinnerung, sondern gewährte
auch zukünftigen Müttern Einblick in das ödipale Beziehungsdreieck
zwischen den Geschlechtern: Vom Hölzchen zum Stöckchen,
vom Schaukel- zum Steckenpferd.
Für
die Weiblichkeit jedoch ging es dabei um viel mehr: In der Erfahrung,
die Rinde eines alten, knorrigen Baumes zu spüren und wie eine
lebendige Haut zu umarmen und inmitten des photosynthetischen Blattwerks
unter dem verästelten Gezweig des verzweigten Geästs einen
noch jungfräulichen Apfel zu pflücken, lag die Möglichkeit
zur ekstatischen Entblößung der Zimmerpflanzennatur damenhafter
Schamhaftigkeit und die emanzipatorische Erkenntnis: Hier oben bin
auch ich nur ein Blatt unter vielen.
rosa
stifter
& w. nuss