Geflügelte Mortadella
Ein fliegendes
Toastbrot kreist heute in Gedanken um die Stadt. Morgen steht es in
der Zeitung: Um Punkt Zehn Uhr Zwei, die Glocken von Sankt Wendelin
läuteten noch, wurde Herr W. von einem Blitzschlag tödlich
getroffen. Er war als Passant von dem Gewitter überrascht worden,
hatte offenbar das bedrohliche Donnergrollen am gestrigen Morgen ignoriert,
sich auch durch die Sturmwarnungen, die das Radio noch nach den 9.00
Uhr Nachrichten durchgegeben hatte, nicht abschrecken lassen und sich
in das bevorstehende Unwetter gewagt.
Herr W. war
gerade aus einer Bäckerei getreten und im Begriff, seinen kleinen
schwarzen Schirm aufzuspannen, als es ihn aus heiterem Himmel, wie
die Schlagzeile der Zeitung in drei Worten titelte, traf. Es gab Augenzeugen,
die gesehen haben wollten, wie Herr W. durch die elektrische Kraft
des Blitzes erhitzt, für einen Moment lang regelrecht glühte,
ja, es soll ihn sogar steil nach oben, als ob eine leuchtende Hand
nach ihm greife, fast senkrecht in die Lüfte erhoben haben.
Es ist Sonntag, 9.00 Uhr früh.
Im Radio
läuft auf Kanal Nostalgie: Mein Herz trägt heute eine Sonnenbrille,
von den unvergesslichen und fabelhaften Mangotangos, die in den zwanziger
Jahren als erster Acappella-Chor den Obertongesang salonfähig
gemacht und mit ihren Liedern einen beachtlichen Erfolg erzielt hatten.
In den Nachbarwohnungen
klappert das Geschirr. Herr W. schaut in den Kühlschrank. Er
hatte es vor Einbruch des Wochenendes nicht mehr geschafft, einkaufen
zu gehen. Eine vage Hoffnung war dieser Blick.
Unvermutet
wird Herr W. hinter einer vergammelten Gurke auf ein transparentes
Plastik aufmerksam. Er greift danach und findet eine noch verschweißte
Truthahn-Fleischwurst in Scheiben. Herr W. liebt Fleischwurst. Obwohl
er weiß, dass es vielleicht gesünder wäre, vegetarisch
zu leben und obwohl er vermutet, dass die unappetitliche Rötung
seiner Gesichtshaut auf den zu hohen Genuss von Würsten und Fleisch
zurückzuführen ist, vermag Herr W. nicht zu widerstehen.
Herr W. studiert
die Aufschrift auf der Packung: Eine 68%ige Truthahnpaste mit Spuren
von Schweinefleisch, angereichert mit H2O, Nitridpökelsalz, Glucosesiup,
Ascorbinsäure und Emulgatoren, scheibenförmig konserviert.
Herr W. versteht nicht wirklich etwas von dieser chemischen Zusammensetzung,
aber er kennt die Tricks, mit denen die Fabriken der Lebensmittelindustrie
arbeiten. Vor kurzem hatte es einen Skandal gegeben, weil ein Wurstfabrikant
aus dem Westen Tier- und Knochenmehle in seinen Produkten verarbeitet
hatte. Herr W. ist froh, dass seine Truthahnfleischwurst nicht aus
dieser Produktion stammt. Er hatte sich eigens den Zeitungsausschnitt
aufbewahrt, in dem vor dem Namen und der Ware dieses Herstellers gewarnt
wurde und ihn mit einer kleinen rotköpfigen Stecknadel an der
Küchenwand, zwischen Fenster und Ofenrohr, gepinnt. Diese Verbraucherschutzmaßnahme,
schwarz auf weiß, mit dem kleinem roten Punkt darüber,
ist eigentlich der einzige Wandschmuck in der Küche des Herrn
W., wenn man von der Uhr über der Tür und dem schwarzgebogenen
Ofenrohr, das sich seinen Weg über drei Zimmerwände bahnt,
bevor es in der letzten verschwindet, einmal absieht.
Herr W. folgt,
noch vor dem Kühlschrank kniend, gedankenversunken dieser Bahn.
Ein Blick aus dem Fenster zeigt ihm einen düsteren, schweren,
mehr schwarz als grauen Himmel.
Ohne Brot, ganz roh will
er die Wurst nicht verzehren. Er legt das noch zugeschweißte
Plastik zurück in den Kühlschrank und begibt sich in den
Flur, wo immer der große, in einem golden lackierten Holzrahmen
hängende Ankleidespiegel auf ihn wartet. Er betrachtet prüfend
seine Erscheinung, streicht sich über das Haar und wenige Sekunden
später sieht er sein Gesicht vor dem Waschbecken im Badezimmerspiegel
wieder. Während er seine Hände unter dem Wasserstrahl seift,
denkt er an die kleine Bäckerei, die nur ein paar Straßenzüge
von dem Haus entfernt, in dem er selbst wohnt, auch Sonntags geöffnet
hat.
Um 9.30,
die Zeit ist schon fortgeschritten, denn Herr W. hat sich noch rasieren
wollen ( es ist schließlich Sonntag ), steht Herr W. wieder
in seiner Küche und sieht auf die Uhr, die über der Tür
hängt. Nur die Ziffern und Zeiger der großen runde Küchenuhr
aus weißem Plastik heben sich schwarz von den Wänden ab.
Die Zeit
erinnert ihn an den finsteren Himmel, und er sagt sich, dass es wohl
besser wäre, einen Regenschirm mitzunehmen, um ihn im Falle eines
Wolkenbruchs zur Hand zu haben. Er fragt sich, wo er den Schirm jetzt
finden kann, geht wieder in den Flur, schaut bei der Garderobe nach,
bückt sich sogar unter einen Sessel, aber auch dort ist der Schirm
nicht. Er läuft ins Schlafzimmer, wühlt in Schubladen, im
Kleiderschrank, auch im Bett, kein Schirm zu sehen. Herr W. überlegt,
wann er den Schirm zum letzten Mal benutzt hat, aber er kann sich
nicht mehr erinnern. Er geht wieder in den Flur, wird hier wieder
enttäuscht, denn er hat ja dort schon gründlich nachgeschaut,
sich sogar unter den Sessel gebückt, tut es noch einmal, vergebens.
Herr W. geht jetzt wieder in die Küche. Schaut aus dem Fenster
in den Himmel. Es regnet noch nicht. Schaut wieder zur Uhr. Es ist
jetzt 9.39 Uhr.
Ohne einem
bestimmten Einfall zu folgen, ganz automatisch öffnet Herr W.
den Kühlschrank. Jetzt fällt es ihm wie Schuppen von den
Augen: Das was er für eine vergammelte Gurke gehalten hatte,
ist plötzlich sein Schirm. Er musste ihn vorhin, als er die Wurst
entdeckt hatte, noch schläfrig von der Nacht und noch nicht im
Vollbesitz seiner kognitiven Fähigkeiten, aufgrund seiner Form
mit dem Stangengemüse verwechselt haben. Dabei ist es ein ganz
gewöhnlicher Schirm, nur, dass er sich eben praktisch auf Gurkenlänge
zusammenschieben lässt.
Er überzeugt
sich jetzt noch einmal von der Existenz der Wurst, indem er das Packet
nochmals in die Hand nimmt, und ist froh, sich wenigstens hier nicht
getäuscht zu sehen. Herr W. lächelt bei dem Gedanken, dass
es ebenso gut sein Schuh hätte sein können, der ihm eben
im Tagtraum unter dem künstlichen Licht des Kühlschranks
als Wurst erschienen war, aber beide Schuhe befinden sich ja an seinen
Füßen, und beide Füße in seinen Schuhen, soviel
steht jedenfalls fest.
Ein erneuter
Blick auf die Uhr, es ist nun schon 9.41, versichert ihm, dass jetzt
nicht die Zeit ist, sich solchen Gedanken hinzugeben. Er nimmt seinen
Schirm aus dem Kühlschrank und verlässt, beinahe eilig,
als gelte es einen Termin einzuhalten, aber nicht ohne noch vorher
im Flur einen kurzen Blick in den goldlackholzumrahmten Spiegel zu
werfen und noch einmal über das Haar zu streichen, seine Wohnung.
Draußen
auf der Strasse weht ein ungemütlicher Wind. In der Ferne donnert
es, und hier und da spürt man einen kleinen Regentropfen auf
der Haut, der als Vorbote das nahende Gewitter ankündigt, aber
noch keineswegs zum Aufspannen eines Schirms nötigt.
In der Bäckerei
ist wenig Betrieb. Eine kleine Schlange, kaum der Rede Wert und nicht
mit der geballten Hektik an gewöhnlichen Wochentagen zu vergleichen,
steht vor dem Tresen an. Herr W. nutzt die Zeit, um die Auslagen der
Bäckerei zu betrachten.
Französische Buttercroissants, amerikanische Donuts mit Schokoladenglasur,
Mohn- und Sesambrötchen, Torten und Teilchen. In den Regalen
liegen dicke, teilweise mit Körnern und Nüssen bestreute,
sehr gesund aussehende Brotleiber. Als Herr W. an die Reihe kommt
(Bitte schön, der Herr, was darfs denn sein?) verlangt er ein
Toastbrot, von dem er weiß, dass es sich trotz runder Ecken
an den quadratische geschnittenen Weißbrotscheiben gut mit
der Fleischwurst verträgt.
Als die Verkäuferin
(eine gewisse Else H., 53 Jahre alt) eine Tüte anbietet, sagt
Herr W. nicht nein. Er bezahlt mit einem großen Schein (weshalb
Herr W. Else H. besonders im Gedächtnis geblieben war) und erhält
sein Wechselgeld.
Noch während er, die Tüte mit dem Toastbrot im Arm, aus
dem Laden tritt, der Regen hatte inzwischen zugenommen, beschäftigt
ihn der Gedanke, wie sein Schirm wohl in den Kühlschrank gekommen
sein mochte.
e.s.
S
t r a n d g u t
Der Himmel
verblasste und verlor sein Leuchten. Jetzt war der Augenblick in dem
der Tag seine Zeit vergaß, bloßes Weder noch, ödes
lebloses Dazwischen, nicht mehr Tag und noch nicht Nacht.
Irgendwo
in Westeuropa, in seinem nördlichen Teil, wo die Sommer kürzer
und schüchterner und die Winter triumphaler sind, auf einer Insel
durch eine Autobrücke am Festland befestigt, an einem Strand,
in Sichtweite einer kleinen Ortschaft, die nur bis in den Spätsommer
von meist schon etwas fußlahmen Touristen in Bewegung gesetzt
wurde, ein Mann mittleren Alters.
Er blickte
vor sich hin, auf die Stelle, wo eben die Sonne ins Meer geschmolzen
und erloschen war. Ein wenig festgewurzelt stand er, aber seltsam
instabil, er stand wie Marionetten stehen, leicht eingeknickt in den
Knien, als könne er jederzeit zusammensinken. Deutlich sichtbar
war der lockere, kiesdurchsetzte Sand von dem ebenmäßigen
wassergedunkelten Gefälle abgesetzt, bis zu dem das Meer beständig
auf das Land übergriff.
Er stand
einen Schritt weit im Dunkeln. Schon ein wenig eingesackt seine Schuhe,
über die mit jeder angleitenden, ausatmenden Welle ein schaumiger
Schwall Wasser hinging, bis knapp über seine Fußknöchel
stieg, kurz einhielt und dann zurückglitt. Noch war das Wasser
nicht ins glatte Leder gedrungen, aber durch die Ösen der Senkel,
hatte es seinen Weg gefunden, hatte sich in die lockere Wolle seiner
Socken gesogen, bis sie nichts mehr zu fassen vermochten.
Hätte er sich bewegt, was er nicht tat, hätte er das Wasser
quatschen und glucksen hören können. Er spürte Gänsehaut
an seinen Unterschenkeln, die sich langsam nach oben ausbreitete,
ging in die Hocke, griff mit der Linken ein bisschen schlammdurchschwemmten
Sand und aß. Es schmeckte salzig, tangig, aber das war nur das
Meer darum herum.
Der Sand
selbst knirschte unnachgiebig zwischen den Zähnen, und weil er
nicht zu zerkleinern war, schluckte er ihn. Rauh rieb er in der Kehle.
Beengend und fest zugleich glitt er die Speiseröhre hinab. Noch
einmal und wieder füllte und leerte er die Höhlung seiner
Hand, träufelte sich bedächtig kleine Portionen in den Mund,
als würde er sich selbst ausstopfen.
Als er jetzt die Hand zum Mund hebt, kann er zwischen dem klebrigen
Sand einen Wattwurm sehen. Interessiert und angeekelt zugleich betrachtet
er das Geringel, borstig und verlangsamt auf seiner Hand, setzt es
dann vorsichtig, nicht ohne ein kleines Häufchen nassen Sand
um den bedürftigen Leib zu legen, oberhalb der Wassergrenze ab.
Dann beginnt er Sand in seine Hosentaschen zu schaufeln, in sein Hemd
zwei Handvoll, dann in seine Manteltaschen. Dabei entdeckt er den
Brief von dem er bereits wusste, dass er ihn dort findet. Gleichmäßige
Schrift, ein wenig zerdrückt, schlanke Buchstaben in blauer Tinte.
Angeblich
kann ein Voodoo Ritual das Leben eines Menschen auslöschen, indem
man sein Photo unter einen Wasserhahn legt. Vielleicht wirkt das auch
bei Erinnerungen. Oder das in einem Brief gesammelte Gefühl auszuwischen
wie Kreide auf einer Tafel. Er breitet das Papier sorgfältig
neben sich aus, ein wenig abseits, und setzt kleine Kieselsteine auf
jede der vier Ecken, dann richtet er sich wieder auf und steht.
Jemand spaziert
mit einem Hund vorbei, blickt kurz verwirrt in seine Richtung, ein
paar Schritte weiter hält er an, als wäre ihm etwas eingefallen,
kehrt um und fragt nach Feuer. Im Fell des Hundes hängen Wassertropfen.
Das Tier scheint erschöpft und ruhig, als wäre es auch vom
Abend angesteckt. Mit einer kurzen Antwort im Blick gräbt der
Mann in seiner Manteltasche, klaubt ein Feuerzeug heraus, dessen Sandkruste
er flüchtig mit den Fingern abstreift.
Es knirscht,
funktioniert aber, und während er die kleine gelbe Flamme mit
dem spitzen blauen Kern in der Höhlung seiner Hand birgt, die
dankbar die flackernde kleine Wärme aufnimmt, beugt sich ihm
der Andere die Spitze der Zigarette voran langsam und höflich
entgegen. Die Flamme saugt sich an die braunen trockenen Fasern, zunächst
nur am Rand, dann glimmt der ganze kleine Kreis, frisst sich leise
knisternd die schlanke weiße Hülse entlang. Die Flamme
erlischt. „Als Kind habe ich hier im Sommer einmal Sand vergraben,
von dem Spielplatz, direkt neben dem Haus in dem ich aufgewachsen
bin“, sagt der Spaziergänger, dankt mit einem kleinen Lächeln,
dreht sich um und geht. Kurz blickt der Mann ihm nach, ein Anderer,
nur wenige Jahre älter als er, mit sehnigen Händen, die
behutsam und sicher wirken, wie die eines Uhrmachers.
Später
spürt er, dass er kniet. Vor seinen Augen hat sich das stumpfe
Blau des Himmels verdunkelt, wie ein Pinsel, den man auswäscht
in einem Glas mit Wasser. Auch die scharfe Linie des Horizonts stumpft
ab. Fast kann man Meer und Himmel nicht mehr unterscheiden. Das Licht
eines fernen blauen Leuchtturms, am Ende der leicht und weit geschwungenen
Landzunge blendet plötzlich auf, stößt Strahlenstangen
aus, springt vor und verglimmt, schrumpft zu einem winzig kleinen
Lichtkorn, verharrt, und platzt dann Splitter spuckend wieder aus,
schlägt ein bis an die Rückseite seines Schädels.
Wieder und
wieder, wie ein stetig aus dem Takt geratender Herzschlag. Ein wenig
steif erhebt er sich, klappt sich auf, ungeschickt wie ein Kind einen
Zollstock auseinander faltet, klopft sich mechanisch den Sand von
den Knien, der an seinen Händen kleben bleibt. Er geht die Düne
hinauf, einen Pfad entlang, der mit aufgesprungenen schwammigen Treibholzstücken
abgesteckt ist, auf die Lichter der kleinen Ortschaft zu, die warm
und spärlich in der Dunkelheit stehen.
t.l.
Interview
Ein Tonbandgerät. Bänder, Akkus, ein Mikrofon, ein Kopfhörer.
Die Unterschrift, dass ich die Ware erhalten habe. Dann raus und noch
eine Stunde, das Radioteam zu treffen. Weiß nicht, was die vorhaben,
damit. Kann mir auch egal sein, weil ich dafür nicht bezahlt
werde. Ins Auto. Das Wetter: warm und diesig. Packe alles auf dem
Beifahrersitz aus. Kabel anschließen, Kopfhörer auf und
ein kurzer Test. „Eins, zwei, Test, Test, Was ich nicht weiß,
macht mich nicht heiß.“ Kommt zurück über den
Hörer. Dann das Band zurückspulen und man hört dasselbe.
Funktioniert. Ich starte den Motor und fahre los. Vorort- Hochhäuser.
Die Balkone verschieden bepflanzt. Die Bäume entlang der Straßen:
mickrig, alle etwa gleich jung. Metallbügel bewahren sie davor,
von parkenden Autos gerammt zu werden. Die Sonne, kurz, zwischen zwei
Hochhäusern. Im Radio: Musik. Bushaltestellen, ein Supermarkt.
Weiter.
Dann einige
Menschen, die in die Luft sehen und irgendwas rufen. Bei dem Versuch,
zu sehen, wo die hingucken, ist mir das Dach meines Wagens im Weg.
Fahre rechts ran, um mich kurz rüberzubeugen. Sehe einen dunklen
Sack an einer Wand herunterfallen. Arme, Extremitäten. Ein Mensch
und der schlägt laut auf dem Boden auf. Neben den Garagen des
Hochhauses.
Ich springe
im Schock aus dem Wagen, ums Auto herum, dann das Tonbandgerät
vom Beifahrersitz. Laufe dahin. Eine Frau mit Nervenzusammenbruch
lässt sich von einem Mann stützen. Den Kopfhörer auf
und breche durch die Menschentraube.
Ein Mann
liegt am Boden. Bleich und Rot aus dem Mund und dem Kopf. Wie die
Arme und Beine liegen. Lasse das Band laufen und knie mich neben den.
„Können
sie uns sagen, was in ihnen vorgeht, in diesem Moment?“, höre
ich mich über den Kopfhörer fragen. Halte ihm das Mikrofon
entgegen. Keine Antwort. Ich klopfe kurz mit der flachen Hand auf
das Mikro, um es zu testen. Es funktioniert.
„Haben
sie mit ihrer Tat ein bestimmtes Ziel verfolgt?“ Wieder keine
Antwort, als ich ihm das Mikrofon hinhalte. Das Band läuft. „War
ihnen überhaupt im voraus klar, dass ein Sprung aus dieser Höhe
höchstwahrscheinlich tödlich enden würde?“ Der
Interviewte schweigt.
Dann: „Sind
sie verrückt, was machen sie denn da?“, ruft irgendjemand
von hinter mir. Reaktionen. Jemand anderes: „Hau ab, da, jetzt!“
Ich lasse mich nicht beirren.
„Gibt
es etwas in ihrem Leben, dass sie bereuen und jetzt vielleicht anders
machen würden, wenn sie könnten?“ Halte ihm das Mikro
hin und warte ein wenig. Er muss überlegen. Es kommt keine Antwort.
Einfacher:
„Ihren Fall, wenn sie vielleicht den rückgängig machen
könnten.“ Die Frage wird ein wenig von den Sirenen überdeckt.
Rettungswagen und Polizei. Die halten gerade an der Straße,
als ich mich umwende. Nutze noch schnell die Gelegenheit:
„Angenommen,
es war Verzweiflung, die sie zu diesem Schritt getrieben hat: Meinen
sie nicht, dass ein gutes Gespräch mit Freunden, oder vielleicht
ein Neuanfang...“ Ich werde an der Schulter nach hinten gerissen
und Falle aus der Hocke. Ein Polizist. „Was machen sie da“,
fragt der und: „Haben Sie sie noch alle?“ Sanitäter
laufen an mir vorbei und zu dem Interviewten. Ich richte mich auf.
„Eine Frage noch: Denken sie, dass ihr Sprung Ihnen, oder den
Menschen aus ihrem Umfeld auf irgendeine Weise geholfen hat?“
Ich halte noch einmal das Mikrofon hin, werde aber unsanft nach hinten
gerissen. „Du kommst jetzt mal mit!“, höre ich den
Polizisten. Das Mikrofon fällt mir aus der Hand und bleibt liegen.
Doch kann ich nichts mehr hören, der Kopfhörer ist runter,
dass mir die Ohren schmerzen. Wer weiß, vielleicht eine Antwort.
Ich werde rückwärts gezerrt, dann an einen Kollegen übergeben,
der am Einsatzwagen steht. Der sieht mich ernst an:
„Sagen sie mal, was denken sie sich eigentlich dabei?“
matthias kremer