viSionen
Licht in sakralen
Räumen
Wie die Arche,
gelandet auf dem Berg Ararat ruht die kleine Kapelle auf dem breiten
grünen Grat des weitgestreckten Höhenrückens. Unter
dem leuchtend blauen Himmel, blendet das strahlende Weiß der
Fassade. Schwarz und glänzend schmiegt sich das Schieferdach
darüber. Vorne am Bug des kleinen Kirchenschiffes öffnen
sich zwei große Fenster, öffnen sich wie aufgeklappte Ladeluken.
Gewähren Einsicht und Durchblick, noch bevor man eingetreten
ist.
Aber gerade
die Fenster stellen auch eine Gefahr für die Integrität
des Raumes dar. Vor allem der Blick von außen ins Innere der
Kirche wird allzu leicht hindurch und zurück ins Freie geschwemmt.
Fast ohne sich festzuhaken, sich fesseln lassen zu müssen, kommt
er wieder hinaus. Die Fenster in Dorfkapellen ähneln oft eher
milch- oder buntglas verkleideten Schießscharten. Dies mag vor
allem in den beschränkten finanziellen und architektonischen
Möglichkeiten begründet sein. Doch auch sonst sind Fenster
in Kirchenräumen, von der Romanik bis zur Moderne undurchsichtig
und über Augenhöhe angebracht. Dabei handelt es sich aber
nicht nur um eine besonders veränderungsresistente Konvention.
Fenster in
Kirchen haben gar nicht die Aufgabe einen Ausblick zu ermöglichen,
Innen und Außen zu vermitteln. Das einfallende Licht dient vielmehr
dazu Wirkung und Erfahrung des Innen zu steigern. Nicht Dinge, Gegenstände,
Körper, nur die Immaterialität des Lichts wird von außen
in den Kirchenraum zugelassen. Die Geschlossenheit des Raumes konzentriert
und sammelt. Das Halbdunkel lässt seine Grenzen verschwimmen,
ermöglicht über ihn hinauszureichen. Und: Im Dunkel kann
man die Stille besser hören.
Die Undurchsichtigkeit
der Fenster hat aber nicht nur für die Erfahrung des Innenraums,
sondern auch für die des Außen Bedeutung. Der sakrale Ort,
das Heiligtum ist immer ein Ort des Geheimnisses. Eines Geheimnisses,
das nie vollständig aufgeklärt, „zu Tage gefördert“
werden kann. Die Fassade hat die Aufgabe, eine Erwartung des Innen
zu schaffen, die sich erst dann erfüllt, enttäuscht oder
übertroffen wird, wenn man eingetreten ist. Das Betreten jedes
fremden Gebäudes ist immer auch ein Entdecken, umso mehr gilt
dies natürlich für sakrale Bauwerke. Um aber entdecken zu
können, muss etwas verborgen sein. Wenn man alles sieht, gibt
es nichts zu ahnen.
Licht spielt
in allen Religionen eine große Rolle, die größte
aber wohl im Christentum der Religion von Ankunft und Apokalypse,
von Morgen und Abend. Auf vielfältige und verschiedenartige Weise
hat sich dies in der Architektur niedergeschlagen.
Ob in den
durchleuchteten Kathedralen der Gotik, oder als Element der dramatischen
Inszenierung in den Kirchen des Barock. In der Gotik ist das Licht
nicht Ereignis, sondern zeitloser Zustand. Statt einzufallen füllt
es vielfarbig den Raum. Wie ein Taucher durch ein Korallenriff gleitet
der Besucher durch die Kirche. Nichts ragt hier, alles steigt und
strebt.
Statt dem
berauschenden Sinnentaumel des Barocks, der diesseitigen Prunk auf
ein Jenseits übertragen will und so eigentlich die Totalisierung
einer übersteigerten Diesseitigkeit betreibt, soll die Kathedrale
den Gläubigen verklären. Im Barock, vor allem im Barock
nordalpiner Prägung, ist das Wort ganz und gar Fleisch, rosig
feistes Fleisch geworden. Nirgendwo tritt dies so unmittelbar vor
Augen wie in Berninis heiliger Theresa, wo religiöse Verzückung
und sexuelle Ekstase nicht nur zusammenfallen, sondern ein und dasselbe
sind.
Primäre
Bewegung des Barock ist das Wogen. Bewegung die Schwindel verursacht
und überwältigen will. In der gotischen Kathedrale hingegen
weist alles hinauf, und über die Welt in ein Jenseits. Zugleich
aber verwirklicht sie schon das Paradies auf Erden. Dieses Aufscheinen
seliger Ewigkeit wird ausgelöst vor allem durch die zeitlose
Zuständigkeit des Lichts, dessen schwerelos schwebende Substanz
den Innenraum anfüllt.
Das Licht
in seiner fundamentalen Bedeutung für den Menschen, das Licht
als Ereignis, wird aber erst dann sichtbar und erlebbar, wenn es eindringt,
erhellt Dunkelheit verscheucht. (Am Tag braucht man die Sonne nicht,
da ist es sowieso hell.) Deshalb ist die Metapher des göttlichen
Lichts die Morgensonne. Wie die Sonne stirbt Christus am Abend um
am Morgen erneuert wiederzuerstehen.
Auch die
Lichtgarben, die im Herbst aus den aufgetürmten Wolkenhügeln
brechen und von den Menschen vor unserer Zeit als Epiphanie des Göttlichen
erfahren wurden, sind nur sichtbar vor dem schwärzlich dunklen
Hintergrund der Wolken, deren weiches balliges Wogen am Horizont beinah
das Land berührt. Nie ist die Sehnsucht nach der Sonne so groß
wie im Winter. Und vielleicht gehört zu den ersten bewussten
Empfindungen unserer Vorfahren die Angst, dass die sinkende Sonne
niemals wieder aufgehen könnte, und die Erleichterung, sie erneut
steigen sehen zu dürfen. Licht war und ist immer auch die Erfüllung
einer Hoffnung.
Dies kann
es aber nur dann sein, wenn es erscheint, ins Dunkel fällt. Wohl
kaum ein Architekt der Moderne hat dies so sehr verstanden wie Le
Corbusier. Dies zeigt sich vor allem an der Wallfahrtskirche Notre-Dame
sur haut in Ronchamp.
Le Corbusier
gelingt es mit modernen Baustoffen ein unerhört archaisches Bauwerk
zu schaffen. Von außen wirken die engen Fensterschächte
wie willkürlich und wahllos in die Wand geschnitten. Aber das,
was außen planlos schien, erweist sich im Inneren als unendlich
behutsame umsichtige Führung des Lichts, ein Zugleich von Offenheit
und Ordnung. Die sakrale und intime Wirkung des Raums entsteht nicht
zuletzt durch den sparsamen Einsatz der Fenster, deren schmale Öffnungen
das Licht wie eine Lupe bündeln und konzentrieren.
Ähnlich
mögen mittelalterliche Mönche den Sonnenaufgang in der klammen
Kühle des Kirchenraums erlebt haben, wenn in die zähe Helligkeit
des Morgengrauens, welche die Kirche füllt wie schmutziges Wasser,
die ersten Strahlen des neuen Tages durch die schmalen Fenster fallen.
Le Corbusier nimmt die Bezeichnung Kirchenschiff ernst und wörtlich.
Wie ein Eisbrecher steht der Bau im Grün der kurzgeschorenen
Wiese und wie eine gewaltige, seltsam verdickte Welle, zugespitzt
wie ein Segel, hochgeschlagen über dem Bug, geht das dunkle Dach
über den strahlend hellen Baukörper hin.
t.lenartz