Liebermanns Sichtdichte


dies sind die gedichte die ich schrieb
als du nicht da warst
dies ist das papier
das ich statt deiner fand
in meinem arm
dies ist die hand
die einen stift statt deiner hielt
der sich das wort erdachte
das du nicht mit ihm sprachst
und manches
was ich selber einst gesagt
wünscht ich mir heut zurück
für all das glück was du mir gabst

vielleicht findest du es schändlich
dass ich mich hier in liebe
zur dichtung mit dir binde
aber sprich nicht so und denk daran
dass mancher nur in versen sagen kann
was ihn berührt und was er fühlt
und dass für jedes blatt
was ich mir von dir nahm
ein herbst in meinem herzen fiel
und wie ein riss mir deinen namen tief
in all mein sinnen schrieb
und dass ich nahm
von meinem blut die tinte

nimm mein gefühl
nicht für mein sehnen
nenn meine liebe nicht besitz
der sich mit dir vermehrt
und den ruin verliert
sie ist keine diebin
die gern stiehlt
nimm meine zeilen
für die meilen
die ich lief zu dir
und meine liebe für die tür
die niemand abschließt
und die in dir sich öffnet

gib mir ein teil
von deiner zeit
und ich werde sie verdoppeln
nimm anteil an beredsamkeit
und ich werde dir unzählbares erzählen
von den schönsten worten
die du je gehört
verstörender betörender gesang
wie der nachklang deiner eignen stimme
wenn du in gedanken zu dir selber sprichst

doch sieh mich nicht als phantasie
die sich ihr eignes bild gebiehrt
und sich in selbstbespiegelung verliert
ich bin so wirklich wie das licht
in deinen augen
das mich liest und trinkt und nährt
bin unzerbrechlich
wie erinnerungen
deren kern die zeit nur schält
ohne ihren wert zu mindern
ohne unbeschwert zu lindern
und die wie samen überwintern
um sich weiter zu vermehren
wenn es wieder warm geworden ist

nimm hin und iß
die früchte meiner liebe

friste frühe poesie
roste rohe rose

e. stern





miss kiss

miss kiss
ich bitte sie rückwärts
von vorne
bitte von anfang an

miss kiss ich bete sie an

miss kiss
sie sind so süß
wie schokoladenlimonade
und so erfrischend hübsch

miss kiss
sie machen mich an

miss kiss
sie sind das schönste
mädchen hier im land

miss kiss
ich halte an um ihre hand

miss kiss
ich will sie nie vermissen

miss kiss
darf ich sie nochmal küssen ?


e. stern





softpornostorno

der stoff
aus dem die träume sind
mein kind
die man als schäume kennt
die baden gehn
im seifenblasenladen zu erstehn
wo man noch hofft
als pusteblumenduft
wie luftballon
im wind zu wehn
ballanceverlust
und die billanz verdruß
schlußtakt im tanzpalast
distanzballast
die ballade
vom glanz
der verblasst
vom glück
das nie genügt
vom glück
das immer wieder trügt
vom glück
das man belügt
vom glück
das man wie einen acker pflügt
vom glück
das man wie einen apfel pflückt
und stück für stück
und biss für biss
als paradies genießt
bis
man wieder
wie die frucht beim reifen
vor dem seifenblasenladen
lange schlange steht
wenn der regen
wie aus vasen gießt
und groß statt rasen
nur die grasnarbe sprießt
und man trostlos weiter
pusteblumen
hustend
auf der jagd
zum herzinfarkt
im märz
auf falsche hasen schießt

e. stern





2 mal 1

eins zwei
ein einsamer zweifel
verleiht dir einen zweiseinsgrund
doppelt einsam sein
und einstweilen
seins-Fiktion
im 2 kanalton
mono no more stereo
die metaode
mit atommethode
und retroatmo
slowmotion in libido ocean
die trostoption als toprosine
und dann stop

eine null,
unwert
und doch fast
eine runde sache
ein ovales loch
das sich um seine mitte dreht
im kreis
und dabei leiert.

ein rollenspiel zu zweit
nr. 1 fällt aus der rolle
verliert die kontrolle
nr. 2 macht eine rolle rückwärts,
rollt sich wie ein igel ein
und nichts mehr spielt eine rolle.
der geteilte bruch halbiert
bleibt unverheilt
verkleinert nr. 1
lässt zwei dabei allein
und verdoppelt so die einsamkeit.
eine zweifelhafte einstellung
zum verzweifeln
zuerst war man sich einig
aber nach einiger zeit zu zweit
wird aus der eintracht zwietracht
und die einheit wird eingestellt
die zeit als einbahnstraße
zeigt auf kurz vor 12
und weil 1 und eins 2 ist
vereinzelt eine Hälfte
aus zweisamkeit wird einsamkeit
aus 2 wird 1
was einst zwei war
ist jetzt entzweit
und einsam


e. stern





papierblume

gib mir lethe margarethe
erhöre mein betörendes gebet

bring mir das blut
von frischgeschnittnen rosen
und fahr mit mir
bei sonnenuntergang
ins dunkelrote
und lass den mond noch einmal blühn

leg dich zu mir
in die erdbeerfelder
und deck mit deinem kleid
aus klee mich zu
sei mein kleines gänseblümchen
und ich dein sähmann
mit der sense
der dich glücklich pflückt

gib mir
ein vergilbtes blatt von dir
und lass mich
einen liebesbrief dir schreiben
in tinte die wie duft verfliegt
und deren farbe niemand sieht

gib mir lethe margarethe
erhöre mein betörendes gebet

e. stern





Shakespeare Sonett Nr. 18

soll ich dich einem sommertag vergleichen
du bist viel lieblicher und noch viel wärmer
im mai die blüten rauhen winden weichen
und sommerzeit hat allzuviele schwärmer

manchmal zu heiß des himmels lid erscheint
und oft verschattet seine gold’ne sicht
und schönheit ihre schönheit dann beweint
wenn die natur mit willkür sie verwischt

doch soll dein endlos sommer nie verstrahlen
sein gold dir angehört wie ein reflex
noch soll der tod mit deinem schatten prahlen
wenn du als endlos text der zeit entwächst

solange menschen atmen lider sehen
so lang steht dies wirst du darin bestehen





 


Shakespeare Sonett Nr. 106

les’ ich im buch verblich’ner zeit Geschichten
beschreibungen von märchenhaften wesen
und schönheit schöne alte reime dichten
vom rittertod der liebe die gewesen

um dann der schönheit wappenschild zu rüsten
mit hand und fuß und haut und haar und mund
so stiften altertümer ihre schriften
tun deiner schönheit meisterschaft nur kund

bedeutet all ihr lob nur prophetie
die tage unsrer zeit sich auszumalen
was ihren augen seherblick verlieh
doch kein geschick um deinen wert zu ahnen

und wir in diese gegenwart enthoben
erstaunen sprachlos während augen loben






Shakespeare Sonett Nr. 130

die augen meiner frau sind keine sonnen
korall mehr rot als ihrer lippen rot
ist haut schneeweiss ist ihre brust zerronnen
ist haar wie draht ihr kopf ein draht zum tod

ich sehe rosen rot und weiss maskiert
doch rosen seh’ ich nicht in ihren wangen
und mancher duft ist besser parfümiert
als der im atem meiner frau befangen

ich hör’ ihr gern zu ohne abzustreiten
dass die musik von wohligerem klang
auch sah ich niemals eine göttin schreiten
denn meine frau vertritt den erdengang

doch meine liebe denk ich unverglichen
mit allen die sie falsch verbildlichen


verdeutscht von e. stern








Freier Fall

Nebel und
unter ihm die Kluft.
Auf der Suche
nach jemandem,
der die Einsamkeit
mit ihm teilte,
verweilte er
einen Moment lang
im freien Fall.
Er trug
einen Satz bei sich,
einen leichten Mantel,
der seinen Körper
umflatterte,
und dessen Enden er
zu greifen
versuchte.
Er fürchtete Halbheiten
und wollte
sie meiden.
Ein bisschen Zeit nur,
dachte er.
Da, plötzlich
zwischen Last
und Schwerelosigkeit
unten in der Schlucht
zerriss
der Stoff
in zwei Hälften.

doreen maas

 

 


liebestrank

ein glas wein
lockt
dann und wann
die zunge
aus ihrem versteck
verführt
viel zu früh
zu worten
im takt des gefühls
und
beglückt
bald darauf
den gaumen
mit genüsslichem rausch

ein glas wein
frohlockt
und dann
durchschaut
nur mit müh
der lippen
schmales bekenntnis
die heimliche lieb
denn es bleibt
mittendrin
eine kluft
und
nicht selten
der schwur
heiße luft
zwischen zwei
mündern
voller wein


doreen maas





schlafende

im federmeer
weiche worte
und
namenraten
vor der zeit
wie sich
im grünen
umschlingende pflanzen
wie sich
im dunkel
legende tropfen
sind
zwei körper
wärmer
als einer

doreen maas








Zeit-Still-Stand

Zeit steht still
mit dir

ich stehe still
in der Zeit

mit dir

und du
mit mir

und die Zeit
mit uns

steht still

und

ich
will
nicht

dass sie geht


Ich träum mich zu dir
spät am Abend oder in der Nacht...


Ich träum dich bei mir
träume deinen Mund
und wie du lachst

Ich träum dich an mir
träume deinen Atem
und was du mit mir machst

Ich träum dich in mir
träume uns
und dass du uns bewachst

Kathrin Ermeling


Näher


Näher, komm näher
ganz nah
komm näher, noch näher
nicht so nah
nicht zu nah

und doch, ...

komm näher
komm nahe genug
komm zu mir
zu fühlen
zu schmecken
und mich zu bedecken
mit dir

komm näher, noch näher
komm nah
zu spüren
und mich zu berühren
sei bei mir
sei da

komm näher, komm näher
ganz nah
für heute, für morgen, ...
doch bleibt nicht verborgen
die Stimme, die flüstert
gib acht

Bleib in dieser Nähe
mit all ihrem
Schmecken
Bedecken
Berühren
und Spüren
doch stetig bedacht

Befürchte die Leere
erwarte die Schwere
erhalte beständig Verdacht ...

Und dennoch
komm näher, komm näher
komm nah

komm näher
komm nahe genug
komm zu mir

zu fühlen
zu schmecken
und auch zu bedecken
die flüsternde Stimme mit dir

komm näher, komm näher
sei da
um alles zu spüren
um uns zu berühren

komm näher, komm näher
komm nah


Kathrin Ermeling

 


Wir

Du

Ich


Wir
Zusammen Wir

Ich mit Dir

durch Dich
auch
Ich mit mir

durch mich bei Dir


Du mit mir

durch mich
auch
Du mit Dir

durch Dich bei mir


Zusammen Wir


Kathrin Ermeling








Innenseiten

Noch haftet der Geruch
Deiner Haut
In den
Innenseiten meiner Hände
Deines Leibes
Auf den Spitzen meiner Finger

Wenn ich wieder erwache
Wird er verblasst sein
Bis er sich wieder erneuert

***

Unsre Schatten verschmelzen sich zu einem
Und ich weiß nicht ob ich lieber abseits wäre
Zwei Zungen, vier Lippen, vier Hände
Die Hälfte davon gehört mir

Die nehm ich später mit nach Hause
Leere Straßen, Leuchtreklamen
Gesichter die das Leben schrieb
Beim Dönermann gibt’s Bier

War etwas falsch
Nichts was ich wüsste
Aber alles zu einfach
Und irgendwie grundlos

Gute Worte, gute Gesten
Wir sind nicht weit von uns entfernt
Aber nichts überrascht, nichts was bezaubert
Vielleicht bloß
Nichts was ich anzusehen liebe

Aber

Auf deinen Hüften liegen meine Hände gut

***


Deine Augen
Grau und blau
Wie klares Wasser
Über runde Kiesel
In einem alterslosen Bach

An manchen Stellen
Da und hier
gerinnt
Die ausgeglichne Oberseite
Und kräuselt sich
In rieseliger Gicht
Dort taucht das Wasser
Heller rauschend
Strudelnd in sich selber ein
Um in sprudeligen Perlen
Erneut nach oben aufzusteigen
Und in der Weitung aufzugehn

Weiße Gicht auf grauem Grund
Die auch den Himmel auf sich trägt

Die Sonne glänzt
Und glitzert blendend
An den Spitzen kleiner Wellen
Wie aufgekeimte Sternensaat

***


Eine Nacht lang zwischen ausgehängten Türen
Geben wir uns einander ohne Rückhalt aus
Getränkt und Gestalt vom Atem des Andern
Dann auch hinaus über alle Erwartung
Reichen uns weiter, wir weiten
Die Seitentaschen der Zeit


Ich schlag mich in dich über,
Ich wachse in dich hinein
Und wachse mich in dir aus
Du wartest da auf mich
Und kommst mir zuvor
Und du kommst mir entgegen

Was auch geschieht
In deinen Augen
Vor denen deine Lider flackern
Ahnen meine Ohren


Wir legen uns bloß und
bloß beieinander
Du kannst in meinen Händen
nisten
Du hüllst mich ein in deine
Uns beide bedeckt ein Schlaf

Ob wir am Morgen auch
Die Angeln wieder finden?


tobias lenartz







Sextett

1. Birth
Blue
But eager to live
A breathtaking travel
Through a tunnel of throbbing poppies
Loved from the beginning
But for the wrong reasons

2. Love
Kiss me kiss me
Under a glow-starred sky
Yes - everything in excess
We are going to create the world anew
In your fingertips
there is a patient paradise awaiting

3. Joy
Give me a dive
Directly in your lap
I would like to dissolve
So I could tell you afterwards
How it feels
To be a sunbeam

4. Sex
Tranquilized volcano
Once freed
There´s no way out
We are colonizers of each other´s bodies
We conquer and we surrender
Synchronologically

5. Sadness
Deep inside me there lives an octopus
Sometimes I call him Jim
He has giant tentacles
And he´s so massive
I can´t move when he is lingering around


6. Death
I see a great black moth
Dying in the corner
I´m no saviour
But I don´t want to see it neither
I look the other way
Almost indifferent


frauke lengermann








Du (im Winter)

Wenn der Schnee liegen bleibt,
Wird es immer so sein:
Du siehst mich und Dein Blick
Bin ich.

Also denk mir eine Ecke
Im weißen Raum drumrum
Und Deine Worte sind der Wind
Durch meine Kleider.

Du weißt, es gibt die Plätze
Wo von allen Seiten
Ich, nur ich, sonst nichts.
Und der Himmel: grau, wie der Asphalt.

Dein Körper steckt in Deiner Jacke
Da, und da noch sucht Dein Auge halt.
Woanders auf dem Schnee,
Wenn der denn bleibt.


matthias kremer


stOckwERk

 

Zeitschrift für

literarischen

Stillstand

 

 

alphabETage

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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