Aus den Akten der Stadt Wörlingen
In der
Nacht vom 18. auf den 19. April 1841 eilte eine dunkel gekleidete
Gestalt durch die engen Gässchen der Kreisstadt Wörlingen.
Niemand war sonst mehr auf den Straßen, die Lichter hinter
den Fenstern waren schon lange erloschen. Die kalte Jahreszeit war
noch nicht gewichen und trieb dünnen Schnee durch die Gassen,
der sich wie Puder auf den windgeblähten Mantel des Eilenden
legte. Von seinen Zügen sah man nichts, die Kapuze war tief
ins Gesicht gezogen. Nahe dem Wegkreuz, das am Eingang zur Winkelgasse
stand, schien sein Schritt sich zu verlangsamen, um aber sofort
wieder, wie nach kurzem Besinnen, sich zu beschleunigen. Durch die
Winkelgasse gelangte die Gestalt auf den Marktplatz, auf dessen
gegenüberliegenden Seite sich ein prachtvolles Fachwerkhaus
erhob: Wohn- und Amtssitz des Kreisamtmanns Dinzighoff. Der beschneite
Mantel bewegte sich zielstrebig darauf zu.
Im ersten
Stock war noch Licht in einem Fenster. Der Kreisamtmann saß
in seiner Studierstube und wartete auf einen Gast. Seine alte Dienerin
und Köchin hatte er schon zu Bett geschickt, er wolle den Gast
selbst einlassen, sie solle nur schon schlafen gehen. Sie hatte
sich nichts dabei gedacht, es war in den vergangenen Jahren nicht
selten geschehen, dass dem Amtmann zu vorgerückter Stunde Aufwartungen
gemacht wurden. Soviel sie verstand, ging es dabei nie um Amtsgeschäfte,
sondern um die Leidenschaft, die der Amtmann mit seinen späten
Besuchern teilte: die Hochschätzung alter und seltener Bücher.
Dinzighoff war ein passionierter Büchersammler, und seine Regale
bargen nicht wenige kostbare und seltene Ausgaben, an deren Vermehrung
er seine rar gesäten Nebenstunden und ererbte Mittel wandte.
Aus ganz Deutschland empfing er seine Besucher, nicht selten machten
sich Holländer und Engländer vorstellig, die eigens zur
Begutachtung seiner Pretiosen angereist kamen. Vor Jahren hatte
der Kreisamtmann sogar mit Goethe korrespondiert. Ein alchemistisches
Werklein aus dem Cinquecento hatte der borgen wollen und freundlichst
um zeitweilige Zurverfügungstellung gebeten. Der Amtmann allerdings
mochte die wertvolle Inkunabel nicht gerne hergeben, hatte überhaupt
den Grundsatz, nichts außer Haus zu lassen.
Die dunkle
Gestalt erreichte jetzt das Haus, in dem einzig noch Licht brannte,
und griff zum Türklopfer. Das dreimalige Klopfen verlor sich
widerhalllos im Schneewehen. Wenige Augenblicke später öffnete
sich die Tür einen Spalt breit, das Gesicht des Amtmanns erschien,
der, als er den Gast erkannte, die Tür weiter öffnete
und ihn mit stummer Geste hereinbat. Das Schneetreiben nahm zu.
Nach einer
Weile erschienen der Amtmann und die Gestalt, immer noch mit übergezogener
Kapuze, in dem erleuchteten Fenster, vor das nun die Vorhänge
gezogen wurden. Durch ihren grünen Stoff zeichnete sich der
Umriss des Kapuzenmantels dunkel ab. Draußen bedeckte der
Schnee mittlerweile den Marktplatz wie ein Leichentuch.
Wenig später
erlosch das Licht hinter den Vorhängen, das Begehr des nächtlichen
Besuchers musste schnell befriedigt worden sein. Die Haustür
öffnete sich, lautlos schob sich die Kapuzengestalt hindurch.
Unter dem Mantel schien sie einen Gegenstand mit sich zu führen,
der sich undeutlich unter dem Stoff abzeichnete. Vom Amtmann war
nichts zu sehen, er musste oben verblieben sein. Inzwischen schneiten
dicke Flocken herab und hüllten die umstehenden Häuser
in dichte Schleier. Knirschenden Schrittes überquerte der bemäntelte
Schatten den Marktplatz, bis er wieder in der Winkelgasse verschwand.
Als die
Köchin am nächsten Morgen dem Amtmann seinen schwarzen
Kaffee ans Bett bringen wollte, fand sie dasselbe unbenutzt. Sollte
der Herr Kreisamtmann trotz des späten Aufbleibens gestern
nacht früh aufgestanden sein? Nicht selten verfügte er
sich vor den Tagesgeschäften, oft noch vor dem Frühstück
in seine Studierstube, um sich seiner Sammlung zu widmen. –
Welch ein Anblick des Schreckens bot sich der Köchin, als sie
nach mehrmaligem Klopfen, das unbeantwortet blieb, ins Zimmer trat!
Der Amtmann lag auf dem kostbaren türkischen Teppich vor dem
Schreibtisch, alle Viere von sich gestreckt, in seiner Brust stak
der elfenbeinerne Brieföffner, den er zum Aufschneiden von
Büchern benutzte. Hemd, Rock und auch Teppich hatten sich mit
Blut vollgesogen. Die Köchin war einer Ohnmacht nahe, ließ
das Tablett fallen und wusste nicht, ob sie sich setzen und weinen
oder um Beistand rufen sollte. Indem sie sich fürs letztere
entschied, lief sie vors Haus und schrie, mehr schluchzend als lauthals,
die Nachbarn zusammen. Die kamen dann auch. Ein nebenan ansässiger
Arzt, von der nicht mehr zu beruhigenden Köchin ins Studierzimmer
geführt, konnte schließlich nicht mehr tun, als das ohnehin
Offensichtliche zu bestätigen: dass der Kreisamtmann eines
gewaltsamen Todes gestorben war.
Nach zwei Tagen war ein Untersuchungsverfahren eingeleitet worden,
das in der Hand eines Polizeioberinspektors lag, der eigens aus
der Residenzstadt angereist war. Der kreisstädtischen Polizeibehörde
hatte man die Ermittlungen nicht überlassen wollen; der Kreisamtmann
war ein Mann von hohem Ansehen gewesen, auch über Reutlingen
hinaus. Es hätte Befremden ausgelöst, hätte man sich
nicht von oberster Stelle aus des Vorfalls angenommen.
Die erste
Aktion des Oberinspektors bestand darin, die obere Etage des Amtshauses
– dort lagen die Zimmer, die der Verstorbene bewohnt hatte
– versiegeln zu lassen, sehr zum Unbehagen des neu bestellten
Amtmanns, der deswegen übergangsweise in einem Gasthaus logieren
musste. Während der Inspektor sich von der Köchin einen
Tisch samt Stuhl vors Haus tragen und die Frühlingssonne, die
mittlerweile nicht stark, aber wärmend schien, auf den Bauch
scheinen ließ, untersuchten seine Assistenten seinen Anweisungen
gemäß die versiegelten Räumlichkeiten.
Die Köchin
hatte von dem nächtlichen Besuch erzählt und dass er nicht
der Amtsgeschäfte wegen erfolgt sein könne. Abends habe
der Amtmann ja nur die Bücherliebhaber empfangen. Wann der
Besuch genau stattgefunden habe und ob danach noch jemand gekommen
sei, unangekündigt, könne sie nicht sagen, denn da habe
sie bereits im Bett gelegen, und gewöhnlich schlage sie tief
und fest. Der Oberinspektor hatte bei diesem Bericht aufgehorcht,
für ihn war klar: wer auch immer den Kreisamtmann in der fraglichen
Nacht besucht hatte, der hatte ihm auch das elfenbeinerne Souvenir
im Brustkorb hinterlassen; und wer immer das getan hatte, er frönte
derselben Liebhaberei wie sein Opfer: der Bibliophilie. Der Inspektor
hatte kombiniert, und nun waren seine Assistenten damit beschäftigt,
die Büchervermehrungslisten des Amtmanns zu durchlaufen und
mit dem Bibliotheksbestand abzugleichen. Keine leichte Aufgabe,
denn der Verstorbene hatte eine spitzige, unleserliche Feder geführt,
mit dessen Entzifferung sich die Polizeibeamten, die dazu weder
Lust noch Berufung verspürten, sehr schwer taten. Binnen einer
Woche immerhin konnte man als Ergebnis festhalten: ein Band fehlte.
Es handelte sich um eine Ausgabe von Fresenius Weichkerns ‚Mundus
submersus’ von 1476, eines der frühesten und kostbarsten
Zeugnisse der Buchdruckerkunst überhaupt, ausgestattet mit
filigranen Holzschnitten eines anonymen Meisters. Der Inspektor
zog Erkundigungen ein und war nicht überrascht zu erfahren,
dass der Wert dieses Buchs das Jahressalaire eines Polizeioberinspektors
um ein Mehrfaches überschritt. Nicht zu denken, dass der Amtmann
eine solche Kostbarkeit verliehen haben sollte. Überhaupt habe,
so die Köchin, kein Band, der einmal angeschafft war, das Studierzimmer
verlassen. Ebenso ließ sich ausschließen, dass ihm das
Buch schon vor längerem, also vor dem rätselhaften, nächtlichen
Besuch abhanden gekommen war. Es wäre sicherlich in den betreffenden
Unterlagen von ihm vermerkt worden. Unter den gegebenen Umständen
kam nur die Variante in Betracht, dass der nächtliche Gast
den Kreisamtmann umgebracht hatte, um sich des nunmehr fehlenden
Bandes zu bemächtigen.
Mit dieser
Theorie lag der Oberinspektor ganz richtig, dennoch war damit für
den Fortgang der Ermittlungen nichts erreicht, denn es gab nicht
den geringsten Anhaltspunkt zur Person des bibliophilen Mörders.
Niemand hatte gesehen, wie er das amtmännische Haus betreten
oder mit Weichkerns ‚Mundus submersus’ unter dem Arm
wieder verlassen hatte. Er selbst hatte nicht die geringste Spur
hinterlassen. Das Untersuchungsverfahren trat auf der Stelle, und
in der Residenzstadt äußerte man Unzufriedenheit mit
dem sonst so erfahrenen und erfolgreichen Polizeioberinspektor.
Durch eine
denkbar merkwürdige Wendung gelangten die Ermittlungen schließlich
doch noch zu ihrem Abschluss, weniger allerdings durch den Einsatz
des sich langsam der Resignation ergebenden Inspektors, als vielmehr
durch folgende Umstände:
Am 21.
Mai – einen guten Monat nach der scheußlichen Tat –
hielt der Organist der St. Augustinus-Kirche eine Übungsstunde
ab. Nach ein paar einfallslos gespielten Präludien und Fugen,
sammelte er seine Noten zusammen, schickte den Jungen, der ihm den
Blasebalg getreten hatte, weg und nahm in seiner Pedanterie nochmals
alle Räume in Augenschein, bevor er die Kirche verließ.
In der Turmstube stutzte er: auf den blanken Bohlen lag ein Schuh,
ein einziger Schuh. Er hob ihn auf: es war ein Schnallenschuh, wie
ihn der Pfarrer Seuse zu tragen pflegte. Es durchfuhr den Organisten
kalt, dann blickte er nach oben in den Glockenstuhl; wenig unterhalb
der Glocke baumelte etwas Großes, Dunkles. Der Organist stürzte
auf den Kirchplatz, schrie, man möge um Gottes Willen zu Hilfe
eilen: der Pfarrer hänge oben im Turm.
Es brauchte
drei kräftige Männer, um den Pfarrer Seuse vom Seil zu
schneiden: zwei mussten den nicht ganz Unbeleibten zur hölzernen
Galerie ziehen und festhalten, ein dritter das Seil durchtrennen.
Als man die Leiche endlich unter Flüchen und Bekreuzigungen
nach unten auf die Bohlen geschafft hatte, begann man sie zu durchsuchen.
In der Soutane fand man einen Brief von des Pfarrers Hand. Er habe
seinem belasteten Gewissen nicht anders Erleichterung schaffen können
als durch den Freitod. Er habe den Kreisamtmann Dinzighoff umgebracht.
Dieser habe ihm trotz unablässigen Bittens und Drängens
den ‚Mundus submersus’ des Fresenius Weichkern nicht
verkaufen wollen. All sein Sinnen und Trachten sei auf dieses Büchlein
gerichtet gewesen. Über Jahre habe es bei einem Stuttgarter
Antiquar gelegen, ohne dass jemand nennenswertes Interesse gezeigt
hätte. Er habe in dieser Zeit jeden Groschen aufgespart, um
es erstehen zu können. Aufgrund der jahrelangen Entbehrungen,
die er erduldet habe, habe er sich als den rechtmäßigen
Besitzer des Buches erachtet. Schließlich sei ihm der Amtmann
– der Teufel musste es ihm eingegeben haben – zuvorgekommen,
habe das Buch erworben und nicht mehr mit sich reden lassen. Da
habe er sich eines Tages zu der schrecklichen Tat entschlossen.
Dass Gott ihn nicht gestärkt und vor der Ausführung des
niederträchtigen Unternehmens bewahrt habe, betrachte er als
Strafe dafür, dass er sich von der Liebe zu einem so irdischen
Gegenstand als ein Buch es sei, habe hinreißen lassen. Da
er durch den Mord sein jenseitiges Seelenheil ohnehin verwirkt habe,
sei ihm der Freitod ein Leichtes. Was den ‚Mundus submersus’
angehe, so schrieb der Pfarrer zuletzt, so sei er als sein unumstößlicher
Besitz anzusehen, er habe Vorsorge getroffen, dass ihn niemand jemals
mehr in den Händen halten werde.
Man informierte
den Oberinspektor, der freute sich ob des glücklichen und leichten
Ausgangs der Ermittlungen und schrieb einen Bericht in die Residenzstadt,
in dem er den Sachverhalt so zu formulieren wusste, dass es schien,
als sei die Auflösung ihm und nicht den Geschehnissen zu verdanken.
Die Suche
nach Weichkerns ‚Mundus submersus’ blieb ergebnislos.
Die Assistenten durchsuchten die Wohnung des Pfarrers, förderten
aber nichts zutage. Das Buch blieb verschwunden.
Ihr Bücherfreund
gusto stibach