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Autoerotik oder die grobmotorische Befriedigung des Selbst

Onanie ist trotz der sexuellen Befreiung immer noch ein Tabuthema. Wer es sich selbst besorgt, gilt nicht nur umgangssprachlich als Wichser. Bereits die geziert umständliche Schreibweise mit „chs“ anstelle eines X markiert diese Ausgrenzung aus dem Bereich normaler Sechsualität.

Dabei ist Wixen nicht nur für pubertierende Jugendliche oder narzisstisch Veranlagte ein schönes Hobby. Masturbation kann auch als Chance begriffen werden. So lässt sich beispielsweise der oft mühevolle und genusslose Vollzug ehelicher Pflichten durch Eigeninitiative ausgleichen: Der Sexualtrieb kann auf diese Weise problemlos befriedigt werden, ohne durch Fremdgängerei und Seitensprünge partnerschaftliches Fairplay zu verletzen.

Onanie macht nicht nur die lästigen Verhütungsmittel einer durch künstliche Befruchtung ohnehin nicht mehr auf Fortpflanzung angewiesenen und bereits überbevölkerten Menschheit überflüssig: Wer selbst Hand anlegt, behält die Kontrolle. Der Orgasmus ist so gut wie garantiert. Die neue Unabhängigkeit des Wixers macht sich frei von vorgetäuschten Höhepunkten und vorzeitiger Ejakulation.

Darüber hinaus führt Onanie meistens schneller zur Abfuhr aufgestauter Hormonüberschüsse. Gerade in der heutigen schnelllebigen Tempus- und Tempobezogenheit spart Masturbation deshalb auch Zeit. Die Effektivität drückt sich auch darin aus, dass Onanistinnen und Onanisten äußerst flexibel sind: Wer nicht mehr auf einen Partner zur Befriedigung sexueller Wünsche angewiesen ist, kann kommen und abgehen, wann und wo es ihm gefällt. Ein stilles Örtchen findet sich allein eben leichter als ein lauschiges Plätzchen zu zweit.

Der Phantasie sind auch bei der Ipsation keine Grenzen gesetzt: Oft verhindert ja gerade die Anwesenheit des Partners, sei es durch unerotisches Erscheinungsbild oder abturnende Bemerkungen die erfolgreiche Durchführung des Coitus. Wer es sich dagegen selbst macht, kann seinen Träumen und Wunschvorstellungen freien Lauf lassen, und sich sowohl einen Partner, als auch den Ablauf des Geschehens nach Wahl organisieren.

Wixen macht blind, so ein hartnäckiges Vorurteil, dass immer wieder als pädagogisches Instrument missbraucht wurde. Aber auch wer bis zur Erblindung wixen will, sollte nicht an der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit gehindert werden. Nicht nur die leidvollen Erfahrungen früherer Generationen, die nur mit über der Bettdecke zusammengebundenen Händen der Nachtruhe überantwortet wurden, und die zum Teil erhebliche traumatische Störungen des Sexuallebens produzierten, sondern auch die sich noch heute im Schimpfwort manifestierende Diffamierung der Selbstbefriedigung arbeitet der ungesunden und menschenunwürdigen Unterdrückung der Triebregungen zu. Bereits Sigmund Freud erkannte hier eine Hauptquelle für Neurosen, Psychosen, Paranoia, Hysterie und andere Zwangs- bzw. Wahnvorstellungen. Der massenhafte Run auf die Seelenklempnerei ist mithin nicht anderes, als ein kollektiver Hormonstau.

Wixen macht frei. Der gern hinter vorgehaltener Hand erzählte Witz: Haben Sie schon einmal masturbiert? Wer? Ich? O! Na! Nie! erzählt in der emphatisch betonten Silbentrennung nicht nur von einer unterdrückten Vokabel, sondern vielmehr von der beglückenden Exstase der Selbstbefriedigung. In seinem Kern beinhaltet dieser orgiastisch stotternde Stoßseufzer ein leidenschaftliches Bekenntnis zu der neuen Unabhängigkeit durch autoerotische Verfahren. Wixen ist der letzte Schrei in der Do-it-Yourself-Philosohie. Werden auch Sie zum Trendsetter und wixen Sie sich glücklich. Leben Sie die totale Emanzipation und erleben Sie den absoluten Höhepunkt der Wollust: Machen Sie es sich selbst. Werden auch Sie ein Wixer.

e.stern

 

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