vOm bAume dEr eRkenntnIs

Postale Kabale
Vernunft und Verführung in Choderlos de Laclos’ Liaisons dangereuses

Abgesehen von offiziellen Amtsgeschäften werden heute kaum noch Briefe geschrieben. Entfernungen überbrückt weniger die Luftpost als Telekommunikation. Selbst in ungeduldiger Erwartung kleiner Liebesbotschaften flattern Blicke nicht mehr dem Innern eines Briefkastens zu. Der heiße Draht glüht mit dem plötzlichen Leuchten eines Displays auf, und das digitale Bettgeflüster verändert auch den Code. Liebende verrätseln den Ausdruck ihrer Gefühle nicht mehr in seitenlangen Werbungen, sondern verkürzen ihn auf SMS-Format.

Ein Briefroman über Liebesintrigen würde heutzutage wahrscheinlich aus gesammelten Emailkorrespondenzen bestehen und müsste Einiges aufbieten, um im Zeitalter der Internetskandale mitzuhalten. Doch nicht weniger brisant war ihrerzeit die Verführungskraft der Liaisons dangereuses. Choderlos de Laclos parallelisierte den verzettelten Liebeskrieg zweier Libertins mit epochalen Umwälzungen. Rhetorik der Aufklärung flirting with desaster: Die Libertinage ist ein Spiel mit Vernunftgebrauch und Machtpositionen, in welchem Rationalität und Lust zur libidinösen Einheit verschmelzen. Verführung und Eroberung werden zu Begriffen einer Liebeskriegsstrategie.

Sieg oder Niederlage

Bereits in den ersten Briefen erscheint die Marquise de Merteuil als Drahtzieherin der Romanhandlung. Ihr geschicktes Händchen lenkt die übrigen Figuren wie an Fäden hängende Marionetten. Sie kann als Ratio der komplexen Intrige gelten. Eine vorausschauende Strategin, welche die Kraft ihrer Vernunft direkt aus dem Liebes-Kampf der Geschlechter herleitet: Während es den Liebhabern nur um die Hingabe der Geliebten geht, begrenzt weibliche Ausschweifungen ein vorsichtiger Seitenblick auf das Gesetz. Für die Frauengestalten des Romans sind Vernunft und Tugend notwendige Knöpfe, die das Gewand der Schicklichkeit zusammenhalten.

Anders die Liebeserklärungen der männlichen Protagonisten: Als Sprengstoff im Konflikt zwischen Tugendgesetz und Begehren steuern sie die Entblößung der femme virtueuse geradezu unvorsichtig an. Verspricht diese ihnen doch einen doppelten „Sieg“: Mit der Eroberung wächst zugleich das gesellschaftliche Ansehen des Verführers. Wo die Lust des Mannes zu „männlicher“ Ehre führt, strandet das weibliche Begehren in einer doppelten „Niederlage“. Aus diesen Prämissen gefährlicher Liebschaften leiten sich auch die unterschiedlichen Positionen von Marquise und Vicomte her.

Bekenntnisse einer femme fatale

Während Valmont die Libertinage nur bis zum Besitz einer Frau vorantreibt und in der Intrige nur situativ, zugunsten seines Sexes taktiert, verfolgt Merteuil einen intellektuellen Masterplan: née pour venger mon sexe et maîtriser le votre. So enthüllt ihr Lebensbekenntnis im berühmten Brief LXXXI. Von Jugend an bildet sie sich selbst durch empirische und philosophische Studien zur Kennerin von Sittengesetz und gesellschaftlichem Habitus aus. Die Marquise schildert ihren Werdegang als Mimin: Unter strenger Selbstdisziplinierung kontrolliert sie ihre Gebärden und Affekte. Die Maske als Schutz und Machtmittel: Ein Gesellschafts-Körper weiblicher Tugend, unter dessen Deckmantel sie ihren Vergnügungen frönen kann. Das Spiel kann beginnen.

Paragraph eins: Die Rache ihres Geschlechts. Indem sie vortäuscht, sich den einer Frau ziemenden Regeln zu unterwerfen, erlangt sie die Freiheit, sich ihr Gesetz selbst zu geben. Paragraph zwei: Herrschaft über das andere Geschlecht. Die Kontrolle über sich selbst ermöglicht es, andere zu manipulieren. Der Merteuilsche Lustgewinn basiert auf einem doppelten Machtmechanismus. Selbstbeherrschung und Täuschung geben der Marquise das Gefühl konstanter Überlegenheit, welches sie vor allem gegenüber ihrem männlichen Vertrauten ausspielt: Ah! Mon pauvre Valmont, quelle distance il y a encore de vous à moi! Non, tout l’orgeuil de votre sexe ne suffirait pas pour remplir l’intervalle qui nous sépare.

Trau mir nicht!

Im Briefwechsel der zwei Libertins wird Bericht erstattet über persönliche Feldzüge, Hinterhalte, Eroberungen. Doch der Austausch ungeschminkter Bekenntnisse zielt vor allem darauf, die an die Intrige gebundene Wette anzuheizen. In dieser steht nicht nur intellektuelles Vermögen und gesellschaftlicher Ruf auf dem Spiel. Ihr wesentlicher Einsatz ist das erotische Versprechen der Merteuil. Es knüpft an vergangene Liebesnächte an und erwischt den Vicomte an seiner Schwachstelle. Die Marquise bleibt ganz in ihrer „Kriegsstrategie“: Sie ködert Valmont mit einem „männlichen Sieg“ und macht ihn zugleich von ihren Urteilen und Ratschlägen abhängig.

Alle Fäden der Intrige laufen im Knoten dieses libidinös aufgeladenen Machtkampfes zusammen. Alle der in den Briefen entwickelten Theorien über Verführung betreffen nicht nur die übrigen Figuren, welche auf die Simulanten hereinfallen. Jeder Triumph hat seinen Zweck nicht nur in sich selbst, sondern auch in seiner Mitteilbarkeit. Jeder Brief über einen gelungenen Schachzug ist immer auch eine Warnung, die zu sagen scheint: „Vorsicht mein(e) Liebe(r), sieh, wie gefährlich ich sein kann! Ich könnte auch dich täuschen! Du denkst, ich sei aufrichtig, wo ich doch ununterbrochen trickse, betrüge, verderbe?“ So warnen die Bekenntnisbriefe vor der eigentlichen „Waffe“ der Verführung: Der Sprache.

Gespie(ge)lte Leidenschaft

Sprache ist ein großes Täuschungsmanöver. Das Motiv der gespielten Aufrichtigkeit ein ironisches Performativ, in welchem die Gattung des Briefromans selbstreflexiv wird. Hierbei ist auch Kritik am Werk. Wie die epochale Werteopposition von sensibilité und rationalité, löst sich auch die Dichotomie von Wahrheit und Schein in Luft auf. Authentizität erweist sich als künstlich hergestellter Effekt. Es gibt keine Aufrichtigkeit des Gefühls: Liebe ist egoistisch motiviert, gesellschaftlich determiniert, in Rituale und Diskurse gebettet. Unter dieser Voraussetzung kann ein Brief nicht länger als „Abbild der Seele“, können Liebesbriefe nicht als unmittelbare Herzensergüsse gelten.

Valmonts meisterhafte Beherrschung des Genres, die mit der Schauspielkunst der Marquise gleichzusetzen ist, zeigt dies deutlich. Empfindsamkeit ist nur ein Gestus, der imitiert wird: Man nehme ein bisschen rhetorisches Pathos, signalisiere den emotionalen Überschwang durch syntaktisches Chaos und tropfe ein wenig Wasser als Träne auf Papier - fertig ist der Liebesbrief. Ein rational beherrschter Verfasser macht Gefühlsduseleien zum Stilmittel und nähert sich dem „schönen Geschlecht“ gleich auf zweifache Weise an: J’ai enfin déraisonné le plus qu’il m’a été possible : car sans déraisonnement, point de tendresse ; et c’est, je crois, par cette raison que les femmes nous sont si supérieures dans les Lettre d’Amour.

List und Logik

Merteuil und Valmont treiben die Herrschaft der Vernunft auf die Spitze. Doch indem sie den Rationalismus im Feld der Erotik zu seinem Recht kommen lassen, entweihen sie weder die Idee der Tugend noch das Liebeskonzept der Epoche. Vielmehr zeigen sie, dass Tugendhaftigkeit und Liebe nicht ohne Macht gedacht, ohne Vernunft praktiziert werden. Die Libertinage ist nicht nur ein dekonstruktives Spiel mit dem Wertekanon: Sie stellt eine Kritik der Vernunft mit ihrer verführerischen Logik, ihrem umfassenden Herrschaftsanspruches und ihren listigen Machtmechanismen unter Beweis.

Wenn die zwei Libertins zuletzt an ihrer müßigen Intrige selbst scheitern, so kann von einem moralischen strike back der Vernunftordnung noch lange keine Rede sein. Natürlich sind ihre „Todesarten“ symbolisch: Valmont stirbt an einem eifersüchtigen Messerstich ins Herz, die Marquise verliert ihr Gesicht unter der Entstellung von Blatternarben. Doch die wesentliche Moral, welche am Ende der Liaisons dangereuses anklingt, ist: Dass man Liebschaften nicht mutwillig zum Machtgerangel ausarten lassen sollte. Denn in erotischen Rachefeldzügen kann es keinen „Sieg“, sondern nur „Niederlagen“ geben.

doreen maas


 

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