Der Preis der Schönheit
Amélie Nothomb: Attentat
Das Schönheit
und Unschuld, insbesondere in dieser Paarung und besonders wenn sie
sich der Einverleibung durch andere entziehen, Zerstörungslust
auf den Plan rufen können, ist ein uraltes Motiv. Der vornehmste
Antrieb für die ersehnte Einverleibung des Schönen und Reinen
ist natürlich die Liebe. Erweist sich jedoch das begehrte Objekt
als widerspenstig und ist der Liebende hinreichend seinem Wahn verfallen,
so bekommen wir es rasch mit dem dunklen Zwillingsbruder der Liebe,
der Zerstörungswut, zu tun. Denn was man nicht besitzen kann,
das soll auch kein anderer haben.
Shakespeares wenig bekannter und
recht derber Text Venus and Adonis kann als Lehrstück für
diese Binsenweisheit betrachtet werden. Hier versucht eine schwitzende
Venus den reinen schönen Knaben mit aggressiven Liebeswerben
in die Knie zu zwingen. Venus zeigt wenig Scheu, notfalls auch handgreiflich
zu werden: „Being so enrag`d, desire doth lend her force/ Courageously
to pluck him from his horse“. Doch bevor Venus noch zu ihrem
Ziel gelangen kann, ist Adonis bereits das Opfer eines wilden Ebers
geworden. Das Körperteil, in wlches der Eber seine Hauer geschlagen
hat, ist signifikant: „the wide wound that the boar had trench`d/
In his soft flank“ und wird als Vergewaltigung des zarten Jünglings
durch den rücksichtslosen Macho interpretiert. Und damit nicht
genug, auch begraben ist Adonis nicht vor seinen liebeskranken VerehrerInnen
sicher. Auf seinem Grab sproßt eine Blume, die Venus nicht zögert
zu pflücken, um sie an ihren schwellenden Busen zu drücken.
So ist Adonis nicht einmal der nachträglichen (wenn auch symbolischen)
Defloration entkommen.
Der 1997 in französischer Sprache veröffentlichte Roman
Attentat der Belgierin Amélie Nothomb behandelt ebenfalls dieses
Thema, doch auch wenn die Grundidee nicht neu ist, so stellt der Text
doch eine überaus originelle Variante einer „Die Schöne
und das Biest“-Erzählung dar. Amélie Nothomb wurde
1967 als Tochter eines belgischen Diplomaten geboren und verbrachte
ihre Kindheit und Jugend in Japan und China. Mit 17 Jahren ging sie
nach Brüssel, um dort romanische Philologie zu studieren. Ihr
erster Roman mit dem schönen Titel Die Reinheit des Mörders
wurde 1992 veröffentlicht und 1994 ins Deutsche übersetzt.
Ihr Oeuvre umfaßt heute 20 Romane, von denen 9 in deutscher
Sprache erhältlich sind. Amélie Nothomb lebt zur Zeit
in Paris.
Der lakonische, hellsichtige und bisweilen bösartige Roman Attentat
umfaßt knapp 200 Seiten und verweist als Bezugspunkt explizit
auf Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“. Die
Hauptfigur, aus deren Perspektive der Roman geschildert ist, ist der
überaus häßliche, doch belesene Lebenskünstler
Epiphane Otos (ein sinnreich gewählter Name, bedeutet Epiphanie
doch "Erscheinung"), dessen äußere Beschreibung
sich wie ein Blazon der Abscheulichkeit liest. Sein Gesicht vergleicht
er mit einem Ohr: Il est concave avec d`absurdes boursouflures des
cartilages qui, dans les meilleurs des cas, correspondent á
des zones oú l`on attend un nez ou une arcade sourcilière.
Dort, wo andere Menschen Augen haben, verfügt Epiphane über
zwei trübe, eiternde Löcher. Die Augäpfel sind blutunterlaufen
und die schmutzigen Pupillen ähneln toten Fischen. Seine Haarfarbe
erinnert an einen Kunstfaserteppich und abschneiden kann er sie auch
nicht, denn dann würden die Ekzeme sichtbar, die seine Kopfhaut
zieren. Seinen Spitznamen „Quasimodo“ erhält das
arme Kind früh von den Spielkameraden und den wird er auch Zeit
seines Lebens nicht mehr los. Doch wo so viel Häßlichkeit
ist, darf die Schönheit nicht fehlen: Bien entendu, il y a Ethel.
Dès qu`il y a Quasimodo, il y a Esméralda. Cést
comme ça. Pas d`Epiphane sans Ethel.
Die Hauptfigur besteht
allerdings darauf, daß diese Liebe der reine Zufall ist und
es mitnichten in seiner Absicht gelegen hätte, nach dem Hugo`schen
Vorbild für klassische Verhältnisse zu sorgen. Nichtsdestotrotz
kann er nicht umhin, diesem Muster zu folgen, allerdings gibt er sich
keinerlei Illusionen hin über die Natur des Menschen im allgemeinen
und schon gar nicht über die Quasimodos. Epiphane ist davon überzeugt,
daß die häufige Beschwörung der inneren Werte, die
es zu lieben gelte, nichts als Heuchelei sei. Denn schließlich
verliebt sich Quasimodo in die atemberaubende Esmeralda und nicht
in eine zahnlose Alte: Moi, j´affirme qu`il l`a basse et corrompue.
Je sais de quoi je parle: Quasimodo, c`est moi. So nimmt das Schicksal
seinen Lauf; das Biest (Epiphane) trifft auf eine engelsgleiche Schöne
(Ethel), steigt rasch zum ihrem Busenfreund auf, durchlebt kummervoll
die Höhen und Tiefen der unglücklichen Liebe Ethels zu einem
narzißtischen Künstler, traut sich nach der Trennung Ethels
von ihrem Liebhaber endlich, ihr seine Liebe zu gestehen und leitet
damit das tragische Ende der Geschichte ein. Doch was macht dieses
Buch so besonders? Da ist zum einen der amüsante, kluge und mitunter
pathetische Blick auf die Welt, an dem die hoffnungslos überzeichnete
Hauptfigur uns teilhaben läßt. Amélie Nothomb versteht
es, die bizarrsten Sachverhalte auf eine so leichtfüßige
und pointierte Art und Weise darzustellen, daß einem die wunderlichsten
Charaktere und ihre Handlungen vollkommen normal erscheinen. Nothombs
Sätze sind kurz und prägnant, sie findet Vergleiche, die
im Gedächtnis haften bleiben.
So heißt es, daß Epiphanes
blutunterlaufende Augen, denen von Volksverrätern auf maoistischen
Plakaten gleichen. Abgemagerte Männer hingegen erinnern an Fahrräder
und das sei ja schließlich auch ganz hübsch. Doch ihre
größte Stärke in diesem Buch liegt darin, uns die
verschrobene Weltsicht der Hauptfigur solchermaßen zu präsentieren,
daß sie uns letztlich gar nicht so abwegig erscheint. Darüber
hinaus ist es schlicht amüsant über die perversen Freuden
des nach eigenem Bekunden abstoßendsten Mannes der Welt zu lesen.
So verschafft er einem gefragten Topmodel den ultimativen Grusel und
sich selbst einen Orgasmus, indem er ihr die eitrigen vulkanhaften
Pusteln seiner Horrorakne präsentiert. Es ist mehr als erheiternd
zu lesen, wie es ihm mit rhetorischer Finesse gelingt, die Besitzer
eine Model-Agentur davon zu überzeugen, daß sie ihn einstellen
müssen, um der Übersättigung der abendländischen
Mägen entgegenzuwirken. Dabei werden ebenso unterhaltsame wie
groteske Theorien aufgestellt. Denn seine Häßlichkeit ist
das beste Mittel, so Epiphane, um dem Publikum die Keuschheit des
Blicks wiederzugeben: Je suis le supreme antidote contre ce phénomène.
Vous et vos pairs, vous n`avez cessé de profaner le beau depuis
les lustres – mais il vous suffira d´une seule monstration
de mon horreur pour lui restituer sa pureté originelle.
Dieser wahnwitztigen Argumentationsleistung folgt ein kometenhafter
Aufstieg als das bestbezahlte und ultimative „Brechmittel für
den Blick“, als hochbezahltes Anti-Model jettet Epiphane durch
die Welt und wird umschwärmt von den schönsten Frauen der
Welt, die eine Wette darüber abschließen, welche ihn zuerst
rumkriegt. Die Antwort auf seine Frage, worin der Reiz dieser Unternehmung
für die perfekte Schönheit liegt, ist ebenso direkt wie
kurios. Der Reiz, so teilt die Schöne mit, liege darin, daß
er so abstoßend sei: C`est surtout parce que tu nous répugnes.
Diese Anziehung und Faszination, die von seiner Häßlichkeit
ausgehe, gehorche einfachen Gesetzen: Ça s´appelle l´attraction-repulsión
et c´est normal. In Hinblick auf Ethel funktioniert diese Theorie
jedoch offenbar nicht und eine Erfüllung seiner Liebe zu Ethel,
gerade in körperlicher Hinsicht, schließt Epiphane aus
ästhetischen Gründen aus. Doch eine andere Lösung des
Konfliktes wird im ersten Viertel des Buches bereits vorgeführt.
Zum Verdruß des elfjährigen Epiphane wird in dem Schmöker
Quo vadis? die jungfräuliche Lygia von dem heldenmütigen
Vinicius gerettet. Epiphane schwebt eine ganz andere Auflösung
der Geschichte vor. Vor seinem inneren Auge verwandelt er sich in
den Stier, der das zarte Mädchen unsanft zu Tode bringt, denn
so viel Reinheit ist gar zu aufreizend: Il y a une loi dans l´univers:
tout ce qui est trop pur doit être profané. Mets-toi
à la place du profanateur; quel intérêt y aurait-il
à profaner ce qui n`est pas sacré? Tu y as sûrement
pensé en te gardant si blanche.
Schließlich geschieht das Unvermeidliche, Epiphane gesteht Ethel
seine Liebe. Doch da diese seine Gefühle nicht erwidert, ist
ihr Schicksal besiegelt. Epiphane bohrt ihr bezeichnenderweise ein
Stierhorn in den Leib und sie stirbt in seinen Armen. Ihr Tod schenkt
ihm die ersehnte Gewißheit: -Tu vois: tout est possible entre
toi et moi.
frauke lengermann