Lieblingsetuden in Kunst und Kitsch
Aus einem Mailänder Poesiealbum

Es gibt eine Straße in Mailand, die man Via Malorosa nennt. Zu Zeiten der späten Kreuzzüge versammelte sich hier eine Schar verarmter und vom Hunger geplagter Menschen vor dem Palazzo des Herzogs, die auf Knien um ein Gnadenbrot bettelten.

Der Herzog saß gerade beim zweiten Frühstück, als er von einem Diener über die Versammlung vor den starken Eisengittern seiner Residenz informiert wurde. Vor den Toren des Palazzo hatten sich bereits über hundert Menschen zusammengefunden. Ohne seine Mahlzeit zu unterbrechen, gab er den Befehl, den Aufstand niederzuschlagen. Die Garde rückte aus und trieb das Volk zusammen.

Der Herzog, der sich bereits dem erst jüngst eingeführten Aftertea als dem letzten Schrei zeitgenössischer Lebensart widmete, ließ melden, dass er die Hinrichtung der Aufständler wünsche. Um das Verfahren nicht unnötig in die Länge zu ziehen, hatte er beschlossen, dass die Delinquenten noch an Ort und Stelle zu enthaupten, die Köpfe aber auf Pfähle gespießt, mit aufgesperrten Mündern, zu beiden Seiten der Straße, die zu seiner Residenz führte, aufzustellen seien.

Unter den Verurteilten befand sich neben einer Masse an Bettlern, Krüppeln, Witwen uns Waisen auch ein junges Paar. Beide schienen weniger ärmlich gekleidet als die anderen, nicht weil sie erst seit kurzer Zeit am Hungertuch nagten, sondern weil sie nur der Zufall unter den Aufstand verschlagen hatte.

Der blonde junge Mann war kein Italiener. Er verstand kaum die Sprache und war aus Deutschland gekommen, um dem Herzog seine Dienste anzubieten. Von seinem Oheim hatte er gehört, dass sich das Mailänder Oberhaupt sehr für Neuerungen interessierte. Und da der junge Mann in seiner Heimat eine kluge Erfindung gemacht, und dem Herzog von seinem Apparat geschrieben, und schon zwei Monate später nicht nur per Brief und Siegel eine Einladung, sondern auch die Aufforderung zur Übersendung der Baupläne erhalten hatte, machte er sich auf die lange Reise, um selbst vor Ort die Montage leiten zu können.

Kurz vor den Toren der Stadt suchte er sich zunächst eine Herberge für die Nacht. Von dort wollte er am nächsten Morgen den Weg zum Palast des Herzogs erfragen. Und in der Tat war der Wirt gegen einen geringen Aufpreis bereit, dem netten jungen Mann seine ebenfalls nette und junge Tochter, Amalia geheißen, die dem jungen Erfinder schon bei seiner Anreise am Abend zuvor im Schankraum angenehm aufgefallen war, und die bei dieser Gelegenheit auch den Fremden mit ungewöhnlicher Neugier betrachtet zu haben schien, als Wegweiser zur Verfügung zu stellen.

Am nächsten Morgen machten sich beide auf den Weg in die Stadt und kamen sich näher dabei. Obwohl, oder vielleicht weil sie sich fast nur mit Händen und Füßen verständigen konnten, wurden die Blicke bald heftiger, das Lächeln bald häufiger und als sie in der Stadt ankamen, trug Amalia schon einen Kranz bunter Blumen, die der Erfinder ihr auf dem Weg gepflückt hatte, in ihrem schwarzen Haar.

Bevor sie den Weg zum Palazzo einschlugen, kehrten sie in einer Gaststätte ein, um sich zu stärken. Es gab Dauerwurst, frisches Weißbrot und einen kräftigen, aber süßen Rotwein. Beim Aufbruch berührten sich erstmals ihre Hände, und weil es beiden so gefiel, ließen sie sich für den Rest des Weges auch nicht mehr los.

In der Stadt stießen sie auf Scharen von Bettlern, die sich schon bald in dichter dunkler Masse um sie drängten. Hand in Hand gingen sie mit dem Zug die Via Malorosa entlang. Ihre fröhliche Stimmung wich dem beklemmenden Elend, von dem sie plötzlich umgeben waren. Nicht nur der junge Mann staunte über den Zustrom an Hungerlöhnern, auch Amalia wusste nicht, woher sie kamen und wohin sie gingen.

Als die Reihe an sie kam, fiel Amalia auf die Knie, faltete flehentlich die Hände und versuchte, den Soldaten des Herzogs unter tausend Schwüren und Beteuerungen die misslichen Umstände ihrer Lage zu erklären. Nachdem die ersten Köpfe schon gerollt waren, und auch der junge Mann halbwegs verstand, was um ihn herum geschah, und wes Verbrechen man sie fälschlicherweise für schuldig hielt, fiel ihm in letzter Sekunde der Brief ein. Mit der Rechten eine Hand Amalias tapfer umschlingend, zog er mit der Linken das rettende Papier des Herzogs aus dem Revers und streckte es verzweifelt dem Offizier entgegen. Der Angstschweiß strömte ihm von der Stirn, und fassungslos sah er dabei zu, wie der Offizier kaum einen kurzen Blick auf Brief und Siegel warf, ausspuckte, beides zerknüllte und zu Boden warf.

Mit dem Befehl: Die Unzertrennlichen doch einander gegenüber aufzustellen, überließ er sie den Soldaten. Währenddessen war Amalia offenbar ganz zusammengebrochen. Indem sie die Rechte ihres Begleiters noch fest hielt, steckte sie sich zwei Finger der anderen Hand weit in den Hals, und Speichelfäden tropften auf den Blumenkranz, der mit ihr zu Boden gefallen war. Sollte sie versuchen, ihren Magen zu entleeren, um ihre Unschuld zu beweisen? Vergeblich.

Wo die Garde zur Exekution schritt, war die Wachkompanie damit beschäftigt, im angrenzenden Forst Äste zu schlagen und anzuspitzen. In weniger als einer Stunde war das Werk vollbracht. Die Strasse triefte von Blut. 158 Köpfe, mit hässlich aufgesperrten Mäulern säumten den Weg zum herzoglichen Palast.

Die Körper verbrannte man wegen des Gestanks vor den Toren der Stadt, unweit von Amalias Gehöft. Man karrte die kopflosen Leiber auf Holzkarren, von Pferden gezogen, dort auf freies Feld, warf sie auf einen Haufen, schichtete Holz dazu, und zündete schließlich mit brennenden Pechfackeln, die im Widerschein des Feuers von allen Seiten herangeflogen kamen, den Leichenberg an, der seine lichterlohen Schatten noch die ganze Nacht über die Stadt warf.

Auch der Herzog sah den Brand aus den Fenstern seines Palazzo. Er genoss den schauerlich prächtigen Ausblick bei einer Flasche Tinto und Kerzenschein. Niemand verurteilte ihn wegen seiner Tat, nur die stumme Klage der Enthaupteten mit ihren weit aufgerissenen Mäulern ließ sich vernehmen. Jeder, der hier gesenkten oder erhobenen Blickes vorbeiging, hörte ihren Schrei nach Leben und Leibern. Den Herzog freute das. Niemand mehr würde es wagen, vor den starken Eisengittertoren seiner Residenz um Brot zu bitten. Auf seinen deutschen Ingenieur aber wartete er vergeblich, und die Pläne der Wundermaschine blieben in der Schublade. Auch sie fielen schließlich einem Brand im Studierzimmer des Herzogs, der glücklicherweise gelöscht werden konnte, bevor er die übrigen Räume des Obergeschosses erfasste, zum Opfer. Nur die Toten kennen das Ende des Krieges, sagte der Herzog, als er die halbverkohlte Familienchronik aus der Asche zog.


e. stern







Pinky Brown

Mister Brown war hocherfreut. Der schwarze Koffer vor ihm sah in der Tat vielversprechend aus. Der Gedanke an eine Reise war für ihn immer eine Quelle der Inspiration gewesen. Besonders während der langen Stunden im Büro hatte er ihm dabei geholfen, seinen Geist und seine Unabhängigkeit zu bewahren. Er hatte die Zeit mit langen Erkundungen des Kongos und in den Schneelandschaften Alaskas, auf der pazifischen Ozeanjagd nach Walfischen, oder über den Trümmern des historischen Karthagos verbracht, wo auch Cato einst sein Ende fand.

Am Morgen hatte der Abteilungsleiter Mister Brown in seinem Büro besucht. So weit es die Firma betrifft, so hatte er sich ausgedrückt, haben Sie in all den Jahren nichts geleistet. Mister Brown wollte dem nicht widersprechen. Es lag ihm fern, fremde Standpunkte zu kommentieren. Es gab in der Tat nur eine geringe Hoffnung, dass Mister Brown durch einen Einwand zur Verbesserung der Situation hätte beitragen können, wenn auch die nonverbale Behandlung derselben kaum aussichtreicher erschien. Aber anstatt mit seiner schweigsamen Haltung Unterwürfigkeit oder Reue zu zeigen, setzte Mister Brown eine Pokermiene auf und nickte gewichtig, wobei er die beipflichtende Bewegung des Kopfes noch durch das Absenken des Oberkörpers unterstrich und sich auf dem ledernden Drehsessel dem Fenster zuwandte, wo er mit verschränkten Händen die Daumen kreisen ließ.

Es gab keinen Grund zur Unzufriedenheit für Mister Brown. Seine persönliche Ansicht war, dass er niemals an diesen Ort zurückkehren würde. Beflügelt von der Vorstellung würde er seinen Weg in die unendliche Freiheit antreten. Solcherlei Pläne überdenkend, verlor er sich in profunden Träumen und wäre nicht in der Lage gewesen anzugeben, für wie lange, als er plötzlich hörte, wie ein Auto im Hof vorfuhr.

Das war gewiss kein guter Moment für einen Besuch. Mister Brown sah Pinky streng von der Seite an. Warum musste sie auch den ganzen Tag lang die Telefonrechnung strapazieren, die er zu bezahlen hatte. Es war glasklar, dass sie für den Störenfried verantwortlich war. Pinky hatte schon immer vollkommen fremde Menschen unter dem falschen Namen der Gastfreundschaft dazu eingeladen, ihn seiner Privatsphäre zu berauben. Jetzt war es unmöglich. Mister Brown war sehr in Eile. Schon im Begriff zu gehen, würde kaum Zeit genug sein, sich zu verabschieden.

Die Türglocke läutete. Wie unfair, dachte er, seine Zeitsparmaßnahmen zu unterbrechen und den natürlichen Ablauf seiner Abreise zu verzögern. Er ging ans Fenster und schaute hinab in den Hof. Vor dem Haus stand ein blauer Wagen. Er kam Mister Brown irgendwie bekannt vor, aber er konnte sich nicht erinnern, wem er gehörte.

Es läutete ein zweites Mal. Mister Brown war jetzt sehr verärgert. Er wäre selbst nie auf die Idee gekommen, diese verdammte Sirene neben seinem Namensschild anzubringen, wenn Pinky nicht auf ihrem praktischen Aspekt bestanden hätte. Dabei gab es doch schon einen Briefkasten. Er sah sie wieder scharf von der Seite an. Immer noch läutete es. Mister Browns Gesicht rötete sich. Auf keinen Fall wollte er die Tür öffnen. Darüberhinaus rannte ihm allmählich die Zeit davon. Wer würde dann den hartnäckigen Besitzer des blauen Wagens für die Ruhestörung zur Rechenschaft ziehen?

Mister Brown hatte einen Geistesblitz: Wenn er den blauen Wagen fahren könnte, würde das die Sache vereinfachen. Denn bis jetzt hatte er noch nicht über ein Vehikel für seine Reise nachgedacht. Mit Hilfe des blauen Wagens würde er nonstop auf der Schnellstraße der unendlichen Freiheit entgegen fahren. Aber da war immer noch die Klingel an seiner früheren Haustür, die jetzt nur noch dem Fremden draußen zu gehören schien.

Mit einem Ausdruck äußerster Verachtung sah er Pinky an, denn sie war verantwortlich für diesen ganzen Ärger mit ihren verdammten Telefongesprächen. Und er gab dem Hörer, dessen Schnur sich merkwürdig um Pinkys Hals gewickelt hatte, einen schwungvollen Tritt ins Genick.

Es war nicht leicht für ihn, sein Schwert wiederzubekommen. Pinky wollte es einfach nicht mehr hergeben. Aber was kümmmerten ihn jetzt noch ihre Wünsche? Er setzte ihr den Fuß auf die Brust, und mit einem Ruck befand sich die Klinge wieder in seinem Besitz. Mit dem siegreichen Schwert in der rechten und dem schwarzen Koffer in der linken Hand stieg er würdevoll die Treppe hinab, um die Sirene und den blauen Wagen zu erobern.

Als Mister Brown auf einem kleinen Umweg die Eingangstür erreicht hatte, war er sehr überrascht, sie bereits geöffnet vorzufinden. Dass machte das Klingeln umso sinnloser. Ein gleißendes Licht viel von draußen herein. Das erste Mal, so schien es ihm, erkannte er plötzlich die innere Wahrheit dieser Tür. Es war nur ein Loch in der Wand, auf dem Weg in eine fremde und unbekannte Welt. Der rechteckige Ausschnitt spiegelte das Universum wie ein gerahmtes Gemälde.

Hinter seinem Rücken oder von oben erhob sich ein leiser Schrei. Einen Moment lang glaubte Mister Brown, es wäre Pinky, aber das war unmöglich, denn sie hatte ihm fest versprochen, bis an den Rest ihrer Tage zu schweigen. Nichtsdestotrotz rief er: Sei still, Pinky. Aber mehr zu sich selbst und kaum hörbar, vielleicht war es auch nur ein stiller und unausgesprochener Gedanke. Er ließ ihn hinter sich. Unter der Führung seines Schwertes schritt er feierlich durch das Loch in der Wand in die Welt und näherte sich mit kühnen Schritten dem blauen Wagen.

Der blauschimmernde Flügel der Fahrertür stand weit offen in der sich spiegelnden Frühlingssonne und Mister Brown nahm die Einladung dankbar an. Eine weitere Pforte auf seinem Weg in die unendliche Freiheit. Niemand würde ihn stoppen. Erst als Mister Brown bemerkte, dass sich kein Schlüssel zu dem blauen Wagen fand, konnte er ein Gefühl, das mehr Verwunderung als Enttäuschung war, nicht länger unterdrücken.

e.stern







Als der Sommer vor der Tür stand

Plötzlich stand es da. Wie aus dem Erdboden gewachsen. Wo zuvor noch große Bagger und Baumaschinen das Erdreich aufgewühlt hatten, so dass man sich schon nach kürzester Zeit nicht mehr daran erinnern konnte, was eigentlich vorher dort gestanden hatte, genau zwischen dem kleinen Weg mit der Gitterpforte, die abwärts zu einem Panoramablick auf den Burgberg führte, und den vergilbten Mauern des Nachbarn, war plötzlich, wie frisch aus dem Ei gepellt, ein blütenweiß verputztes und vollkommen symmetrisches Einfamilienhaus in den Hang gebaut. Als ob es zusammenklappbar und bequem in einem Handkoffer Platz finden könne, ließ es bald auch Lehmklumpen und Maschinenlärm in Vergessenheit geraten.

Das war neu für die Nachbarschaft. Erstmals hörte ich das Wort Fertighaus. Nur ein Windstoß und der Spuk sei vorbei, so munkelte man hinter vorgehaltener Hand. Mehr Informationen gab es nicht. Rätselhaft blieb das Geschehen hinter der Hochglanzfassade.

Es erwies es sich als glücklicher Zufall, dass bald zwei Knaben im Vorgarten des Hauses auftauchten, den nur ein niedriger, dunkel glänzender Jägerzaun, der immer noch nach frischer Beize roch, umhegte, und hinter dessen kleiner Pforte mit dem zierlichen Riegelchen und dem nur kirschgroßen Knauf man sich unweigerlich in ein Miniaturmuseum versetzt fühlen musste.

Liliput war anders. Man demonstrierte Ordnung. Der ausgerollte Rasen wurde kurz gehalten. Betreten verboten. Zum Leid der Knaben konnte die Mutter auch vom Küchenfenster aus die Oberaufsicht führen. Der Vater machte sich nur an Wochenenden durch Autopolieren oder Rasenmähen bemerkbar. Sonntags lag alles in tödlicher Stille.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite war das Gewächshaus mit dem großen Garten. Von hier aus konnte man alles gut im Auge behalten. Das Treibhaus war ganz aus milchigem Glas und bei jedem Schritt durch das fahle, abgestandene und nach feuchter Erde riechende Licht, hatte man Angst, etwas zu zerbrechen. Hierher trieb es mich oft zur Mittagsstunde, wenn der Garten aufgeschlossen wurde. Schon von weitem sah man den Alten, eine Kiste Setzlinge unterm Arm, die Straße heraufkommen, und ich konnte es kaum erwarten, bis der klimpernde Schlüsselbund hervorgeholt war und das klapprige Törchen aus Maschendraht geöffnet hatte.

Im Garten gab es nicht nur Gemüsebeete, Tomatenstauden und Mirabellenbäume. Die eigentliche Sensation war der mit feinem Schotter bestreute Eingangsbereich. Hier, so erzählte der Alte, sei ihm vor einigen Jahren ein Karton voller Fossilien hingefallen, als deren Sammler er sich bekannte, und die er auch tatsächlich in dem kleinen Ladenfenster an der Ecke präsentierte. Auch sei wohl noch einiges davon im Kies zu finden, wenn man sich nur fleißig auf die Suche machte.

Und wirklich blieb keiner meiner Besuche erfolglos. Zu jener Zeit sah ich mich bereits im Besitz einer stattlichen Sammlung wenn auch winziger, so doch deutlich erkennbar in filigranen Steinspiralen haltbar gemachter Schnecken und Muscheln, die ich sorgsam in einer Schuhschachtel aufbewahrte.

Damit dachte ich die beiden Knaben für mich zu gewinnen. Eines Nachmittags als beide mit einem Springseil auf der Straße zu Gange waren, hielt ich sie unverblümt dazu an, zu mir herüber in den Garten zu kommen, um mir bei der Suche zu helfen.

Eifrig siebten wir zu dritt den steinigen Grund, den ich, um der besseren Ausbeute willen, zuvor noch mit einigen entbehrlichen Stücken aus meiner Sammlung präpariert hatte. Aber schon nach kurzer Zeit untergrub die Mutter unsere archäologischen Forschungen, und rief beide vom Küchenfenster aus, unter der Vorgabe, den Alten nicht bei der Gartenarbeit zu belästigen, zum Händewaschen ins Haus. Leicht geknickt blieb ich allein zurück. Doch gelang es mir in den darauffolgenden Tagen noch öfter, die beiden Knaben zu mir in den Garten zu lotsen.

Bald ließen wir die Versteinerungen hinter uns, und wagten uns auf die Straße. Hier gab es so gut wie keinen Verkehr, der sich, nachdem die beiden aus ihrem Klapphaus nicht nur eine ziemlich echte Polizeimütze, sondern auch noch eine dazugehörige Kelle plus Dokumententasche, sowie ein kleines Eimerchen bunter Kreide hervorgeholt hatten, umso besser regeln ließ. Entweder gab ich den Zollmann, oder hielt selbst im Kettcar vor der gemalten Grenze an, um meine Einreise von den zuständigen Behörden kontrollieren zu lassen.

Auch dieses harmlose Spiel wurde von der Mutter offenbar mit Argwohn betrachtet. Das Abenbrot duldete nie einen Aufschub. Kurz vor halb sechs, der weinrot glänzende Wagen des Vaters war kaum in die Garageneinfahrt eingebogen, war es höchste Zeit für das Tischgebet. Die Sonne glühte noch, und unter dem blinzelnden Schutz der schattenspendenen Hände konnte man das auch deutlich sehen, wenngleich sich immer eine gleißend helle Scheibe vor das gelbe Gestirn schob, sobald man zu ihm aufsah.

Eines Tages kam es zu einem Zwischenfall. Ich trug, ich weiß selbst nicht warum, ein weites kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln. In den rechten verirrte sich, sei es durch den entströmenden Schweißgeruch, sei es durch das farbige Muster meines Hemdes angelockt, eine Biene und versetzte mir, als sie keinen Ausweg mehr fand, einen Stich in meinem Oberarm. Danach fiel sie ganz von selbst wie tot aus meinem Ärmel zu Boden, und fast schockiert sah ich dabei zu, wie das gelbschwarzgestreifte Tier langsam über den grauen Asphalt kroch. Mehr aus Mitleid, denn aus Rachebedürfnis beendete ich das kleine Leben der geflügelten Honigspenderin, das ohnehin seinen Stachel verloren hatte, unter meiner Schuhsohle.

Da sich schnell eine Schwellung ergab und sich ein nie zuvor gefühltes Brennen meines Körpers bemächtigte, wo das Gift der Biene sich seinen Weg durch mein Blut bahnte, begann ich Alarm zu schlagen. Die beiden Brüder schauten mich, dann sich, und wieder mich verdutzt an, und wussten zunächst offenbar nichts besseres zu tun, als ins Haus zu laufen, und mich allein draußen auf der Straße meinem Schicksal zu überlassen.

Kurze Zeit später aber kamen sie doch wieder heraus, die strenge Mutter im Schlepptau. Mir war die ganze Sache etwas unangenehm und während sie die gerötete Einstichstelle auf meinem Arm unter beschwichtigenden Reden mit Essig behandelte, und ich, wohl auch wegen des unangenehm säuerlichen Geruches, der so ganz und gar nicht zu dem schönen Wetter passen wollte, mich unter tausend Beteuerungen schon längst wieder vollkommen hergestellt sah, wickelte sie mir ein gestreiftes Küchentuch um den Arm, dessen Muster sich gar verwegen zu meinem Hemd ausnahm.

Der Schmerz war schnell gelindert, allein der Essigduft blieb. In diesen mischte sich der an frisch gebackenes Brot und Kerzenwachs erinnernde Geruch der braungelockten Samariterin. Es war dasselbe Aroma, welches ich zuvor bereits, wenn auch kaum wahrnehmbar an den beiden Brüdern bemerkt zu haben glaubte und noch halb betäubt vom Bienenstich dämmerte mir die Erkenntnis, dass dies der Geruch des Fertighausinneren war.

Noch nie hatte ich Liliput betreten. Stillschweigend waren wir immer vor dem Jägerzaun zusammengekommen. Ich war von meinem Beobachtungsposten aus dem Steingarten zum Zollspielen fortgeschritten. An einem Autowaschtag war es, wo nicht zu einer Wasserschlacht, so doch zu einer planvoll durchdachten Kanalisation des schäumenden Abwassers gekommen. Den ganzen Nachmittag lang lenkten wir den Lauf des Wassers, mit kleinen Zweigen, Steinen und Eimerchen sorgsam darauf bedacht, die Flüsse zu Seen zu stauen. Ein anderes Mal wurde mir, dem Ungläubigen, das Prinzip des Telefons nähergebracht. Nüchtern demonstrierten die beiden Brüder ihre Wissenschaft mittels zweier Plastikbecher, die, durch eine lange und dicke Schnur miteinander verbunden, Gespräche auch über weite Entfernung ermöglichten. Noch nie aber hatte sich die kleine Pforte mit dem zierlichen Riegelchen und dem kirschgroßen Knauf geöffnet.

Durch diese Pforte ging ich erstmals an einem stillen Samstagmittag. Das Licht verfing sich in den Gardinen und blendete die Fenster und der Giebel warf seinen scharfen Schatten auf den glattgemähten Rasen. Im Spiegel der gläsernen Eingangstür überprüfte ich die Frisur und zog ihr die Socken hoch, die, wie ich erst jetzt bemerkte, schon fast in den Schuhen verschwunden waren. Die Klingel funktionierte, aber ich musste mehrmals läuten, bevor sich etwas im Inneren regte. Die Tür öffnete sich und vor mir stand das Familienoberhaupt höchstpersönlich. Vollkommen in seinem weißen Nachthemd und mit der langen Zipfelmütze, die verschlafen vom Kopf baumelte. Ich stand da wie angewurzelt. So hatte ich weder ihn, noch sonst jemand je gesehen. Nicht nur dieser Aufzug war verdächtig, auch dass alle, sogar die beiden Knaben zur gleichen Zeit ein Nickerchen hielten, erschien mir trotz der Beteuerung des gutmütig gähnenden Vaters damals völlig unglaubwürdig.

Beim nächsten Mal vermied ich die Mittagsstunde und hatte mehr Glück. Ich wurde in das Spielzimmer der beiden Knaben vorgelassen. Dort staunte ich nicht schlecht über die wohleingerichtete Kinderstube. Man hatte offenbar weder Kosten noch Mühen, gescheut, um die Kulisse möglichst echt wirken zulassen. Ich hatte nur Attrappen erwartet und fand neben einer ziemlich komplett ausgestatteten Puppenküche sogar einen filigranen Mini-Backofen, der glücklicherweise gerade in Betrieb war, wobei ich mich von der Funktionstüchtigkeit des außerordentlich kleinen und nur mittels eines Spezialadapters anzuschließenden Elektrogeräts überzeugen konnte.

Viel willkommener als der frische Rührkuchen aber war die Entdeckung, die ich auf dem Weg dorthin machte: In einem dunklen Winkel in der Nähe der Eingangstür war eine große Kiste mit der Beschriftung: Arbeitskleidung. Unwillkürlich musste ich an den schlafwandlerischen Auftritt des Vaters denken und konnte nicht anders, als Nachthemd und Nachtmütze mit der Kiste in Verbindung zu bringen. Was wurde hier gearbeitet und woran? Und wieso verkleidete man sich dabei? Was geschah wirklich an diesen heißen und stillen Sonnentagen hinter der Klappfassade?

Das Rätsel blieb ungelöst. Der Sommer ging und plötzlich hieß es, der Vater sei gestorben. Herzschwäche. Niemand wusste genaueres. Niemand, bis auf die Witwe mit ihren beiden Söhnen. Ob sie auch bald, so wie sie gekommen waren, ins Nichts verschwinden würden? Dann würden sie das Haus wieder zusammenklappen und in einem kleinen Koffer verstauen, genau so, wie es der Vater ihnen damals gezeigt hatte.

e. stern






Dornröschen

Ihre bescheidene Art erlaubte es kaum, Notiz von ihrem kurzgeschnittenen, glatten Haar und ihren hinter der Brille farblos wirkenden Augen zu nehmen. Ein sanftes und stilles Wesen, nicht ohne Gefühl für die eigene Würde, wie es schien.

Als sie noch jung war, spielte sie Prinzessin. Vor einer prachtvollen Kulisse wuchs die Mädchenphantasie zu echter Größe heran. Denn in der Nähe befand sich ein Schloss, vormals Besitz eines Grafen, dessen letzter und sehr frommer Nachfolger seine irdischen Güter hinter sich gelassen und sich in ein Kloster zurückgezogen hatte, wie ihre Großmutter noch zu erzählen wusste. Es war ein schönes, wenn auch nicht überdimensionales Herrenhaus.

Der italienische Architekt Astrella, bekannt für seine nüchterne Bauweise, hatte zinnenbewehrte Türmchen auf jeder Seite der barock balkonierten Front angebracht, die auch für Touristen geöffnet waren. Sie interessierte sich nicht für Architektur und spürte auch später keinerlei Drang das Innere des Schlosses zu besichtigen. Noch nach vielen Jahre war sie fast enttäuscht, als sie einige Bilder des Interieurs in einem Buch über Astrella fand, dass ihr der Zufall in die Hände gespielt hatte.

Doch sie liebte es, in dem großen Park zu sitzen und das Schloss aus der Distanz zu betrachten, andächtig in der artigen Symmetrie des Platzes, deren Formen sich selbst die Bäume, welche die große Fontäne umrahmten, anpassten, versunken. Alles war in Harmonie. Alles hob die herrliche Majestät des Gebäudes hervor, so dass sich ihre Augen keinen gefälligeren Ausblick wünschen konnten.

Obwohl es den pompösen Prunk und die Pracht eines Palastes entbehrte, gab es Grandeur genug, um ihren Geist mit märchenhaften Tagträumereien von König, Hof und Königin, von Bällen und Banketten anzufüllen. Sie besaß für jeden einzelnen Tag im Jahr ein spezielles paar Schuhe, nur Sonntags trug sie ein und dieselben Schwarzen. Und im Monat Mai, wenn sie Geburtstag hatte, duldete sie nur Rottöne, denn Rot war ihre Lieblingsfarbe: Rotorange, Kamin, Zinnober, Bordeaux, Kirsche Scharlach und Rosa.

Und in dem Park küsste sie auch ihren ersten Kuss. Das war schrecklich romantisch. Er hatte ihre Brille vorher abgenommen und sie neben sich in Gras gelegt. Als er sich über sie beugte und sie ihm nachgebend zu Boden sank, zerbrach sie unter ihrer Schulter. Die Affäre erwies sich schnell als Verlust. Sie wurde krank und mußte lange das Bett hüten. Es waren ihr kaum Erinnerungen an diesen fieberhaften Lebensabschnitt geblieben. Aber am Tage ihrer Wiederauferstehung war sie keine Prinzessin mehr. Gemessener lenkte sie ihren Schritt in den Schlosspark.

An der Stelle, wo sie sich das erste Mal geküßt hatten, kniete sie sich ins Gras und streichelte die zarten Halme behutsam mit ihren Händen, als ob sie des Trostes über ihre Rückkehr bedürften. Plötzlich fühlte sie einen stechenden Schmerz. Ein kleiner Glassplitter hatte sich in die Kuppe ihres Ringfingers gebohrt, aus der ein Tropfen hervorquoll und den Rasen rötete. Vorsichtig zog sie den Stachel heraus und saugte an ihrem Finger, um das Blut zu stillen, das erstaunlicherweise gar nicht bitter schmeckte. Obwohl sie sich nicht sicher wahr, ob der Splitter von ihrer zerbrochenen Brille stammte, hob sie ihn auf. In einer kleinen Perlmuttdose, in der die Großmutter ihre Pillen aufzubewahren pflegte. Das ist lange her, doch das gläserne Kleinod ist immer noch da. In einer größeren Kiste unter anderen Souvenirs, unsichtbar geborgen und fern vom Rest der Welt.


e. stern






Emma

„Aber zu Hause war niemand.“ Erschöpft ließ Emma den Kopf auf die hölzerne Tischplatte sinken, ihr Magen hob sich von den drei Wassergläsern polnischen Wodkas, die sie heruntergestürzt hatte, um schließlich mit zitternden Fingern den weißen Umschlag zu öffnen. Mit angehaltenem Atem hatte sie eine Ansammlung kruder Sätze überflogen, doch dieser letzte schien ihr den Höhepunkt zu markieren, sie kam nicht über ihn hinaus, sie dachte an den Witz, den sie sich als Kinder erzählt hatten: Geht ein Mann zur Polizei und sagt: „Niemand hat mir auf den Kopf geschissen und Keiner hat`s gesehen.“ So oder so ist Niemand kein guter Mensch, dachte sie verworren, so oder so ist es eine Unart anderen Menschen auf den Kopf zu scheißen, obwohl ihr die Vorstellung, dem Schreiber des Briefes auf den Kopf zu scheißen unter den gegebenen Umständen nicht eben abwegig erschien. Nicht mal-oder erst recht- in existentiellen Situationen bringt es der Mensch fertig die Dinge zu einem dezenten Abschluss zu bringen.

Man konnte, dachte Emma, eine Menge ertragen, wenn es würdevoll vonstatten ging. An diesem Punkt wankte sie ausgesprochen unwürdevoll ins Bad, um sich in die Kloschüssel zu übergeben. Ermattet sackte sie neben derselben zu Boden und versuchte nachzudenken. Doch dieses Unterfangen wurde von den bonbonrosa Kacheln, welche die vor ihr aufragenden Wand bedeckten maßgeblich beeinträchtigt. Sie riss an einem Handtuch, das auf einem Haken schräg über ihr hing, und legte es sich über den Kopf, bis Dunkelheit sie umfing. Sie schloss die Augen und verharrte einige Minuten unbeweglich. Als sie die Augen wieder öffnete und den Blick nach unten wandte, erspähte sie durch die Lücken, die der Faltenwurf des Handtuches entstehen ließ, einige vorbeiflitzende Silberfische, große und kleine. Kreuz und quer rannten sie über die feuchten Fliesen und alle schienen sie geschäftig irgendein Ziel zu verfolgen. Das ist mehr, als ich momentan von mir behaupten kann, erkannte Emma trotz ihrer alkoholgetrübten Synapsen.

Nach einigem angestrengten Nachdenken kam sie zu folgendem Schluß: die sich auftuenden Möglichkeiten waren folgende: Erstens: Sie konnte aufstehen, den restlichen Büffelgras-Wodka exen und den Brief zu Ende lesen, das wäre zumindest konsequent oder, zweitens: sie ging ins Bett und verdarb sich den morgigen Tag, indem sie ihn mit der Lektüre der Schlussworte begann. Dann bring ich es doch lieber zu Ende, beschloss sie, erhob sich mit schmerzendem Steißbein und schleppte sich zum Küchentisch.

Entschlossen griff sie nach der Flasche und würgte tapfer an den restlichen Schlucken des Wodkas und nahm den Brief zur Hand, ohne sich weiter an stilistischen Eigentümlichkeiten aufzuhalten, konzentrierte sie sich auf seinen Inhalt.

Es täte ihm Leid, er liebte sie noch, doch er sehe keine Perspektive, sie seien zu unterschiedlich und letzten Endes bestünde ja doch nur die Gefahr, dass sie Scheidungskinder produzierten. Dieser letzte Schlenker überraschte sie. Wieso Scheidungskinder? Hatten sie je über Kinder gesprochen? Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Der Satz „Aber zu Hause war niemand“, über den sie beim ersten Lesen gestolpert war, bezog sich darauf, dass er ihr den Schlüssel hatte vorbeibringen wollen und sie nicht da gewesen war. Erst jetzt begriff sie: sie drehte den Umschlag um, heraus fiel klimpernd ihr Wohnungsschlüssel. Verschieben wir`s auf morgen, dachte sie umnebelt, stolperte ins Bad, übergab sich ein zweites Mal. Diesmal schaffte sie es nur bis zum Waschbecken, dann ließ sie sich vollständig angezogen ins Bett fallen.

Der nächste Morgen war weniger schlimm, als sie erwartet hatte, und schlimmer als sie sich je hätte ausmalen können. Weniger schlimm insofern, als dass sie wider Erwarten kaum Kopfschmerzen hatte, die Hölle hingegen war, dass sie mit sehr klarem Kopf einsehen musste, dass die Trennung amtlich war und es kein Zurück mehr gab. In dieser Hinsicht war er konsequent, das wusste sie, schließlich war seine Prinzipientreue einer der Gründe gewesen, weshalb sie sich in ihn verliebt hatte.

Sie hatte Hans über eine Freundin kennen gelernt, die Fotografin war und eines späten Abends eine Aufnahme von ihr gemacht hatte, die wie ein ätherisches Marienbild aussah. Das Kerzenlicht war so auf ihr Haar gefallen, dass ein leuchtender Heiligenschein um ihr Gesicht zu schweben schien und der Blick war sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. „Ist die schön!“ hatte er gesagt und sich auf der Stelle unsterblich verliebt. Die erste Begegnung hatte allerdings erst Monate später stattgefunden, doch dann war sie spektakulär.

Sie waren aufeinandergeprallt und hatten sich auf eine Weise ineinander verkeilt, die Emma zuvor nicht für möglich gehalten hätte: sie schliefen nicht, sie aßen nicht, sie nährten sich von den Blicken und Berührungen des anderen. Das Einzige, was sie noch allein taten, war die Toilette aufzusuchen, Minuten der Trennung, die sie unfehlbar aufrieben und einander in die Arme stürzen ließen, um die verlorene Zeit ungeschehen zu machen. Dieser Zustand führte zwangsläufig zum emotionalen Overkill. Der Ton wurde schriller, seine Umarmungen fordernder. Sie bekam Atemnot und keuchte bei der geringsten Anstrengung, er ging dazu über, Aufträge in entfernten Städten anzunehmen.

Diese Ruhepausen brachten beide wieder zur Besinnung, und rasch wurde deutlich, dass hier nicht nur zwei extreme Charaktere kollidiert waren, sondern auch sehr unterschiedliche Lebensentwürfe. Er folgte kompromisslos seinen Bedürfnissen, wenn er fort war, meldete er sich kaum und wenn er sich in der Stadt aufhielt, hatte sie ihre ganze Zeit ihm zu widmen. Emma sträubte und weigerte sich, Freunde und Interessen zu vernachlässigen und begann zu ahnen, dass der Preis, den sie zu zahlen hatte, zu hoch sein könnte. Das Ende kam schneller als erwartet.

Sie waren eine Woche unterwegs. Seine Fotografien wurden bei verschiedenen Ausstellungen präsentiert und schon bei der Vorbereitung und dem Aufbau redeten sie kaum mehr miteinander. Emma flüchtete sich in mittelmäßig spannende Unterhaltungen mit den anderen Künstlern und den Kuratoren, er konzentrierte sich auf seine Arbeit. Beim gemeinsamen Frühstück stritten sie über die korrekte Art, ein Brötchen zu schmieren, und abends hatten sie quälenden Sex. Emma fühlte sich halb vergewaltigt und Hans ließ seine Wut an ihrem Körper aus, der zum Schlachtfeld geriert war. Sie aß nicht mehr, schluckte Valium und konnte nicht weinen. Auf der Rückfahrt dann beschlossen sie, sich für eine Zeitlang zu trennen, doch im Grunde war ihnen klar, dass das nicht reichen würde.

Als Emma seine Wohnung verließ und sich zur U-Bahn schleppte, hatte sie ihren Ort verloren. Die Psychiaterin, die sie um Hilfe bat, diagnostizierte einen Nervenzusammenbruch und wies sie in eine Klinik ein. Sie verbrachte drei Tage im Tablettenrausch und als sie wieder zu sich kam, musste sie feststellen, dass die glasigen Augenpaare, denen sie im Flur begegnet war, zu Menschen gehörten, die weit größere Probleme hatten. Ihr wurde klar, dass hier keiner, außer den Ärzten, einen zusammenhängenden Satz von sich zu geben imstande war.

Sie fühlte sich sehr allein. Die Ärzte entließen sie erleichtert und rieten ihr, sich Ruhe zu gönnen. Das tat sie, sie fuhr zu einer entfernten Verwandten nach Hamburg und verbrachte sonnendurchflutete Tage am Elbstrand und auf dem Ponton von Blankenese. Eines Tages machten sie eine Fahhradtour durch die Apfelplantagen Finkenwerders, und Emma wusste, als sie einen roten Apfel, der süß und saftig in ihrer Handfläche ruhte, betrachtete, dass sie soweit war. Sie verabschiedete sich und fuhr nach Hause.

Hier hatte der Brief auf sie gewartet. Nach dem Poststempel zu urteilen, hatte er schon ein paar Tage gewartet. Emma veränderte ihre Position im Bett und beobachtete, wie die winzigen Staubpartikel, die durch ihr Zimmer tanzten, aufleuchteten und verglommen wie Kleinst-Meteore, wenn sie die Schneise passierten, die sich das Sonnenlicht durch den Spalt zwischen den nachtblauen Vorhängen gebahnt hatte. Sie stand auf und zog die Gardinen beiseite, vor ihr lag ein neuer Tag, das gelbliche Herbstlicht beleuchtete die verfärbten Blätter der Linde, die einen Großteil der gegenüberliegenden Häuserfront verdeckte.

Sie zuckte zusammen, als das Telefon schrillte, zögernd hob sie ab und schwieg. Am anderen Ende der Leitung herrschte ebenfalls Schweigen, dann sagte Hans: „Ist da jemand?“ Nein, niemand, dachte Emma und legte auf.


Frauke Lengermann, Oktober 2003






Stille Tage in Klischees


Das ICH an sich hatte ja weder je das Bedürfnis herauszufinden, was es eigentlich ist, noch auf welchem Schauplatz sich der schwer angerostete Kilometerzähler gerade befindet. Und sooft man auch "Erwachet" oder "Im Wendekreis des Krebses" gelesen haben mag, das ICH lag immer ausgesprochen schwer in der gezinkten Kommandozentrale. In der Tat dem Boden so atemberaubend fern. Das gibt es! Womit wir auch gleich zum Thema kommen:

Ausgangspunkt solch ausklappbarer Mutmaßungen war nicht nur ein abgestandener, nicht wahrnehmbarer Geruch, welcher ungeschnitten in der Luft lag, sondern auch Folgendes: Nach langem Hin und Her, beim Durchspielen von halb emotionalen Szenarien, habe ICH mir endlich den unverkennbar mit Silikon aufgepolsterten Ehren-Clubvorsitzenden vom Frauengesangsverein geleast. Es handelte sich um das badetaugliche Modell "Stroganov II", 21-jährig mit karierter Augenklappe und schon einigen absolvierten Einsätzen. Es hatte eine große Heckwelle ohne Ausdruckszwang und hieß "Arisyonow" oder so. ICH nannte ihn Arschy.

Obwohl diese sehr hohe Nummer auf der Rückseite seines rein silbernen Hämorridenringes graviert war, konnte er außer irgendwelchem Kauderwelsch kaum sprechen. Nicht einmal schlagen wollte er mich! Das erzeugte ein dunkles Staunen, während ICH ihm in norddeutscher Tradition den Begriff "Face" neben seinen unelastischen Schließmuskel hochauflösend tätowierte. Sie ahnen schon, worum es geht? Ja, ICH musste ihm einfach Plattdeutsch beibringen – wo es 62 verschiedene Worte für ICH gibt. So ließen sich schmutzige Begriffe kaltherzig aussetzen, ohne dabei leidenschaftslos aus dem Bauch reden zu müssen.

Schwer durch gedankliche Hochfrequenzen gekennzeichnet dann vor einem Bauchladen, an dem ICH mit einer Einführung zu "Konfiguration und Pflege von maskulinen Nymph-Robots" an der Kasse stand, legte eine nach Spanferkel riechende Spätverkäuferin, im diffusen Halbdunkel, das Buch "Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel" ziemlich eindeutig auf die Zwischenablage, von Georg Iwanowitsch Gurdjieff, einem raufaserhaften Sachbuch-Heiland, den man nicht fragmentarisch wegliest, umfangreich, durchzogen mit epileptischen Theorien. Wer so was schon mal unter Schlafmangel leidend gelesen hat, möchte es nicht noch einmal, und jene, die nicht, nicken und finden es ebenfalls so, nicht nur, weil das Nicken ja mittlerweile ein Breitensport ist.

Extrem gestärkt vom Dauernicken fühlte ICH mich, als ob Dr. Kohl in mir wohnt habe sofort die Toten das Sterben gelehrt und wollte mir unnötige Körperteile entfernen –, wäre dann aber nichts mehr übrig geblieben! Doch nächstes Mal werde ICH mich wie ein Profi verhalten. Danach brauchte ICH 2 Tage (doch Zahlen sind seitdem unwichtig) im Schutz einer kompetenten Altherrenrunde, um mir dieses Erlebnis schön zu spritzen.
Nun könnte man glauben, dass solche Ereignisse doch irgendeine Form von Photosynthese hinterlassen müssten welche zumindest kübelweise die Aufhebung aller Grenzen symbolisiert. Doch nichts hatte sich dadurch verändert. Die ICH-Routine war komatös und stets die gleiche. Sie führte mich durch ein gedankliches Schwindelgefühl immer wieder zu einem unhygienischen Anfang:

Da war der Mann, den ICH damals am intervallgeschalteten Bahnübergang traf. ICH fragte ihn: "Darf ICH Sie Majestät nennen?" Dann kam herrlicher Geschlechtsverkehr ohne Hautabschürfungen, nur beim Blowjob scheiterte es daran, dass ICH seinen Kopf nicht fand. Diese Art von erotischer Kampfkunst war heterogen, homogen und gengen zugleich. Nicht einfach nur sex xes esx xse. ICH wollte, Sie hätten das sehen können.

Seitdem befinde ICH mich in einem erwachsen gewordenen Dilemma – damit meine ich nicht den Hang, immer das falsche Klo zu benutzen: Jedes Mal, wenn ICH einen Mann näher betrachte, fällt mein Blick mit erhöhter Sogwirkung auf seinen Körper. So er denn ohne Kopf ausgestattet ist, verliebe ICH mich wider mein Gewissen und ohne jede Vorwarnung, das verfolgt mich dann und geht so weiter bis 5 Stunden vor Mitternacht. Man hätte einen Wecker danach klingeln können. Was mir verständlicherweise jedes Mal den Schweiß aus der grobporigen Haut drückte. Selbst mein viel gepriesenes Deo, aus erster Ehe, begann da in allen Ausbreitungsrichtungen zu versagen. Mein Bac dein Bac? Solche Vorfälle sind bis heute nicht selten geblieben.

Nur so viel sei an dieser Stelle notiert: In einem nahrungsreichen Biotop, in dem große Teile der ansässigen Menschenzucht einer artverwandten Rasse der Dauernickpolypen verzweifelt nach einer Sinnperformance suchen, ist ein Kreis allenfalls ein rundes Quadrat. Durch diesen reduzierten Zusammenhang einer radikalen Ergebnissuche wurden auch bei Bac die Werkseinstellungen verändert. Denn dieses Deo brachte nur Erklärungsnot. Bac war lange genug der Roberto Blanko unter den Deos. Einziger Wermutstropfen: Nicht alles symbolisiert etwas.

Was soll’s. Durch meine zerkratzte, silberne Schweißerbrille schreibe ICH weiter über lizenzierte Quantensprünge in asiatischen Entbindungsheimen. Das tue ICH immer, wenn ICH nicht weiß, was angesagt ist: der Gravitation Einhalt zu gewähren, zwangszahme Festzeltphilosophen zu imitieren oder das Erbe von S. Freud anzutreten der ja durch fieberhafte Wunschklang-Rollenspiele über 3 ICHs verfügte.

angelo john ashman







Unzweifelhaft at High Noon

An den seltenen Tagen, an denen sich das nächtliche Koma vor 13.00 Uhr verabschiedete, glänzte ein derber Gemütszustand wie ein ständiger Schatten durch Anwesenheit. Natürlich war nicht nur die kontaktfreudige Tse-Tse-Fliege vom letzten durch fortschreitende Vereinsamung gebuchten Zwangsurlaub in Südost-Kenia daran schuld.

Doch zwei Minuten, ein paar hergerichtete Gedanken über girl + boykott und mehrere durch Hochdruck in den Weizenspoiler gepumpte Mulatten-Faxe später, wurde eines klar: Faxe hört immer geduldig zu, streitet nicht und sagt niemals nein. Echt leidensfähig. Niemand hätte das alles mitgemacht! Es neigte sich jedoch, unpassend pünktlich, hier am pixelgetreuen Hauptbahnhof – der wie eine rostviolette Trash-Tragödie durch radikale Originalität beeindruckte – unzweckmäßig dem Ende zu.

Nachfülloptionen – keine: mangels Zahlungsmittelanerkennung und unfruchtbarer Beschwörungsformeln. Wollte es diesmal ohne Fünf-Finger-Rabatt realisieren. Also, Münzvermehrungsaktion durch schweißtreibendes Sitzen gekoppelt mit zeremoniellem Gesäßhusten, um den Aktienkurs für Hopfen in die Höhe zu treiben. Danke – zumindest die Streifen hatten keinen Dienst!

Nach einer 4-Stunden-Obertonsinfonie mit dem gläsernen Didgeridoo – die leere Bierflasche senkrecht gehalten – gab’s 37 Cent, einen Neolampenbrand und eine Gratisdusche von Atoll, der Mischlingsdogge aus der kindersicheren Bio-Wurst-Bude von hinten rechts. Rezeptfreies Glotzen von überall! Fühlte sich an wie eine pneumatische Darmspiegelung während einer Vierschanzentournee.

Zwangsvereinbartes Atmen, um dann das Trauma in der Fötusposition bei Burger King zu bewältigen. Gute Idee, eigentlich. Konnte es aber nicht noch einmal durchleben – lieber den Schmerz in Lysergsäure auflösen. Doch Lysergsäure war schon wieder nicht vorrätig in der Bahnhofsapotheke! Der Wunsch, hier und jetzt den individuellen 11. September zu realisieren und den Himmel über der Wüste live zu erleben, wurde mangels Flugzeug und unbequem sitzendem Sprengstoffgürtel nicht realisiert. War mal wieder kein Bombenwetter!

Doch manchmal ging auch das vorbei. Besonders wenn der wohlverdiente Duft von Lösungsmitteln ohne Umleitung in den blank geriebenen Geruchsschnorchel zog. Stück für Stück lösten sich so wichtige Informationen aus der Substanz. Dann wurde auch der Aufkleber 'Vorsicht Anfänger' vom Oberarm entfernt.

Unerhört kleidsam stauten sich ausrangierte Augenblicke. Dann endlich ein normales Déjà-vu! Weibliches Säugetier mit Going-Down-Xpression – wahrscheinlich selbstständige Kanaldeckeldesignerin. Sie trug einen spätmodischen Rucksack und kariesbraunes Haar nach dem Zufallsprinzip. Der Blick kletterte vierspurig an ihrem Beinkleid hoch. Dabei blieben Beißgestänge und verschiedene Fragen offen.

Vor Nachtblindheit und naturgetreuer Begierde: Will SIE (Name von der Redaktion geändert) ohne Hintergedanken in meine Befehlsgewalt – Adoption nicht ausgeschlossen! Vermittlung von zweideutig dreidimensionaler Verbalerotik durch akustisches Familienalbum. Zum Sprechen viel zu erregt, wollte nur noch öffentlichen Nahverkehr – obwohl innere Schönheit an erster Stelle steht!

Doch SIE elementar gelangweilt von dem orgastischen Notruf – welcher nur wildwuchernd die psychischen Anteile des Trieblebens repräsentierte.

Nicht mal prostituierbar war sie! Beschwerte ich mich in der Bahnhofsmission – schwer leidend unter einem Blutrausch im Schwellkörperbereich. Wieder mal nur selbst gemachtes Einhandsegeln? Überlegte lange, was zu tun ist – Denkfinsternis.

Zum Glück verzog der feurigfeuchte Typ hinter dem Reisverschluss keine Miene. Der spürte intuitiv, dass die Familienplanung noch nicht abgeschlossen war. Irgendwann wird wieder ein Haustier da sein. Zum Glück gibt’s dafür ja keinen Vaterschaftstest!


angelo john ashman

 

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