Lieblingsetuden
in Kunst und Kitsch
Aus einem Mailänder Poesiealbum
Es gibt eine
Straße in Mailand, die man Via Malorosa nennt. Zu Zeiten der späten
Kreuzzüge versammelte sich hier eine Schar verarmter und vom Hunger
geplagter Menschen vor dem Palazzo des Herzogs, die auf Knien um ein
Gnadenbrot bettelten.
Der Herzog
saß gerade beim zweiten Frühstück, als er von einem
Diener über die Versammlung vor den starken Eisengittern seiner
Residenz informiert wurde. Vor den Toren des Palazzo hatten sich bereits
über hundert Menschen zusammengefunden. Ohne seine Mahlzeit zu
unterbrechen, gab er den Befehl, den Aufstand niederzuschlagen. Die
Garde rückte aus und trieb das Volk zusammen.
Der Herzog,
der sich bereits dem erst jüngst eingeführten Aftertea als
dem letzten Schrei zeitgenössischer Lebensart widmete, ließ
melden, dass er die Hinrichtung der Aufständler wünsche. Um
das Verfahren nicht unnötig in die Länge zu ziehen, hatte
er beschlossen, dass die Delinquenten noch an Ort und Stelle zu enthaupten,
die Köpfe aber auf Pfähle gespießt, mit aufgesperrten
Mündern, zu beiden Seiten der Straße, die zu seiner Residenz
führte, aufzustellen seien.
Unter den Verurteilten
befand sich neben einer Masse an Bettlern, Krüppeln, Witwen uns
Waisen auch ein junges Paar. Beide schienen weniger ärmlich gekleidet
als die anderen, nicht weil sie erst seit kurzer Zeit am Hungertuch
nagten, sondern weil sie nur der Zufall unter den Aufstand verschlagen
hatte.
Der blonde
junge Mann war kein Italiener. Er verstand kaum die Sprache und war
aus Deutschland gekommen, um dem Herzog seine Dienste anzubieten. Von
seinem Oheim hatte er gehört, dass sich das Mailänder Oberhaupt
sehr für Neuerungen interessierte. Und da der junge Mann in seiner
Heimat eine kluge Erfindung gemacht, und dem Herzog von seinem Apparat
geschrieben, und schon zwei Monate später nicht nur per Brief und
Siegel eine Einladung, sondern auch die Aufforderung zur Übersendung
der Baupläne erhalten hatte, machte er sich auf die lange Reise,
um selbst vor Ort die Montage leiten zu können.
Kurz vor den
Toren der Stadt suchte er sich zunächst eine Herberge für
die Nacht. Von dort wollte er am nächsten Morgen den Weg zum Palast
des Herzogs erfragen. Und in der Tat war der Wirt gegen einen geringen
Aufpreis bereit, dem netten jungen Mann seine ebenfalls nette und junge
Tochter, Amalia geheißen, die dem jungen Erfinder schon bei seiner
Anreise am Abend zuvor im Schankraum angenehm aufgefallen war, und die
bei dieser Gelegenheit auch den Fremden mit ungewöhnlicher Neugier
betrachtet zu haben schien, als Wegweiser zur Verfügung zu stellen.
Am nächsten
Morgen machten sich beide auf den Weg in die Stadt und kamen sich näher
dabei. Obwohl, oder vielleicht weil sie sich fast nur mit Händen
und Füßen verständigen konnten, wurden die Blicke bald
heftiger, das Lächeln bald häufiger und als sie in der Stadt
ankamen, trug Amalia schon einen Kranz bunter Blumen, die der Erfinder
ihr auf dem Weg gepflückt hatte, in ihrem schwarzen Haar.
Bevor sie den
Weg zum Palazzo einschlugen, kehrten sie in einer Gaststätte ein,
um sich zu stärken. Es gab Dauerwurst, frisches Weißbrot
und einen kräftigen, aber süßen Rotwein. Beim Aufbruch
berührten sich erstmals ihre Hände, und weil es beiden so
gefiel, ließen sie sich für den Rest des Weges auch nicht
mehr los.
In der Stadt
stießen sie auf Scharen von Bettlern, die sich schon bald in dichter
dunkler Masse um sie drängten. Hand in Hand gingen sie mit dem
Zug die Via Malorosa entlang. Ihre fröhliche Stimmung wich dem
beklemmenden Elend, von dem sie plötzlich umgeben waren. Nicht
nur der junge Mann staunte über den Zustrom an Hungerlöhnern,
auch Amalia wusste nicht, woher sie kamen und wohin sie gingen.
Als die Reihe
an sie kam, fiel Amalia auf die Knie, faltete flehentlich die Hände
und versuchte, den Soldaten des Herzogs unter tausend Schwüren
und Beteuerungen die misslichen Umstände ihrer Lage zu erklären.
Nachdem die ersten Köpfe schon gerollt waren, und auch der junge
Mann halbwegs verstand, was um ihn herum geschah, und wes Verbrechen
man sie fälschlicherweise für schuldig hielt, fiel ihm in
letzter Sekunde der Brief ein. Mit der Rechten eine Hand Amalias tapfer
umschlingend, zog er mit der Linken das rettende Papier des Herzogs
aus dem Revers und streckte es verzweifelt dem Offizier entgegen. Der
Angstschweiß strömte ihm von der Stirn, und fassungslos sah
er dabei zu, wie der Offizier kaum einen kurzen Blick auf Brief und
Siegel warf, ausspuckte, beides zerknüllte und zu Boden warf.
Mit dem Befehl:
Die Unzertrennlichen doch einander gegenüber aufzustellen, überließ
er sie den Soldaten. Währenddessen war Amalia offenbar ganz zusammengebrochen.
Indem sie die Rechte ihres Begleiters noch fest hielt, steckte sie sich
zwei Finger der anderen Hand weit in den Hals, und Speichelfäden
tropften auf den Blumenkranz, der mit ihr zu Boden gefallen war. Sollte
sie versuchen, ihren Magen zu entleeren, um ihre Unschuld zu beweisen?
Vergeblich.
Wo die Garde
zur Exekution schritt, war die Wachkompanie damit beschäftigt,
im angrenzenden Forst Äste zu schlagen und anzuspitzen. In weniger
als einer Stunde war das Werk vollbracht. Die Strasse triefte von Blut.
158 Köpfe, mit hässlich aufgesperrten Mäulern säumten
den Weg zum herzoglichen Palast.
Die Körper
verbrannte man wegen des Gestanks vor den Toren der Stadt, unweit von
Amalias Gehöft. Man karrte die kopflosen Leiber auf Holzkarren,
von Pferden gezogen, dort auf freies Feld, warf sie auf einen Haufen,
schichtete Holz dazu, und zündete schließlich mit brennenden
Pechfackeln, die im Widerschein des Feuers von allen Seiten herangeflogen
kamen, den Leichenberg an, der seine lichterlohen Schatten noch die
ganze Nacht über die Stadt warf.
Auch der Herzog
sah den Brand aus den Fenstern seines Palazzo. Er genoss den schauerlich
prächtigen Ausblick bei einer Flasche Tinto und Kerzenschein. Niemand
verurteilte ihn wegen seiner Tat, nur die stumme Klage der Enthaupteten
mit ihren weit aufgerissenen Mäulern ließ sich vernehmen.
Jeder, der hier gesenkten oder erhobenen Blickes vorbeiging, hörte
ihren Schrei nach Leben und Leibern. Den Herzog freute das. Niemand
mehr würde es wagen, vor den starken Eisengittertoren seiner Residenz
um Brot zu bitten. Auf seinen deutschen Ingenieur aber wartete er vergeblich,
und die Pläne der Wundermaschine blieben in der Schublade. Auch
sie fielen schließlich einem Brand im Studierzimmer des Herzogs,
der glücklicherweise gelöscht werden konnte, bevor er die
übrigen Räume des Obergeschosses erfasste, zum Opfer. Nur
die Toten kennen das Ende des Krieges, sagte der Herzog, als er die
halbverkohlte Familienchronik aus der Asche zog.
e. stern
Pinky Brown
Mister Brown
war hocherfreut. Der schwarze Koffer vor ihm sah in der Tat vielversprechend
aus. Der Gedanke an eine Reise war für ihn immer eine Quelle der
Inspiration gewesen. Besonders während der langen Stunden im Büro
hatte er ihm dabei geholfen, seinen Geist und seine Unabhängigkeit
zu bewahren. Er hatte die Zeit mit langen Erkundungen des Kongos und
in den Schneelandschaften Alaskas, auf der pazifischen Ozeanjagd nach
Walfischen, oder über den Trümmern des historischen Karthagos
verbracht, wo auch Cato einst sein Ende fand.
Am Morgen hatte
der Abteilungsleiter Mister Brown in seinem Büro besucht. So weit
es die Firma betrifft, so hatte er sich ausgedrückt, haben Sie
in all den Jahren nichts geleistet. Mister Brown wollte dem nicht widersprechen.
Es lag ihm fern, fremde Standpunkte zu kommentieren. Es gab in der Tat
nur eine geringe Hoffnung, dass Mister Brown durch einen Einwand zur
Verbesserung der Situation hätte beitragen können, wenn auch
die nonverbale Behandlung derselben kaum aussichtreicher erschien. Aber
anstatt mit seiner schweigsamen Haltung Unterwürfigkeit oder Reue
zu zeigen, setzte Mister Brown eine Pokermiene auf und nickte gewichtig,
wobei er die beipflichtende Bewegung des Kopfes noch durch das Absenken
des Oberkörpers unterstrich und sich auf dem ledernden Drehsessel
dem Fenster zuwandte, wo er mit verschränkten Händen die Daumen
kreisen ließ.
Es gab keinen
Grund zur Unzufriedenheit für Mister Brown. Seine persönliche
Ansicht war, dass er niemals an diesen Ort zurückkehren würde.
Beflügelt von der Vorstellung würde er seinen Weg in die unendliche
Freiheit antreten. Solcherlei Pläne überdenkend, verlor er
sich in profunden Träumen und wäre nicht in der Lage gewesen
anzugeben, für wie lange, als er plötzlich hörte, wie
ein Auto im Hof vorfuhr.
Das war gewiss
kein guter Moment für einen Besuch. Mister Brown sah Pinky streng
von der Seite an. Warum musste sie auch den ganzen Tag lang die Telefonrechnung
strapazieren, die er zu bezahlen hatte. Es war glasklar, dass sie für
den Störenfried verantwortlich war. Pinky hatte schon immer vollkommen
fremde Menschen unter dem falschen Namen der Gastfreundschaft dazu eingeladen,
ihn seiner Privatsphäre zu berauben. Jetzt war es unmöglich.
Mister Brown war sehr in Eile. Schon im Begriff zu gehen, würde
kaum Zeit genug sein, sich zu verabschieden.
Die Türglocke
läutete. Wie unfair, dachte er, seine Zeitsparmaßnahmen zu
unterbrechen und den natürlichen Ablauf seiner Abreise zu verzögern.
Er ging ans Fenster und schaute hinab in den Hof. Vor dem Haus stand
ein blauer Wagen. Er kam Mister Brown irgendwie bekannt vor, aber er
konnte sich nicht erinnern, wem er gehörte.
Es läutete
ein zweites Mal. Mister Brown war jetzt sehr verärgert. Er wäre
selbst nie auf die Idee gekommen, diese verdammte Sirene neben seinem
Namensschild anzubringen, wenn Pinky nicht auf ihrem praktischen Aspekt
bestanden hätte. Dabei gab es doch schon einen Briefkasten. Er
sah sie wieder scharf von der Seite an. Immer noch läutete es.
Mister Browns Gesicht rötete sich. Auf keinen Fall wollte er die
Tür öffnen. Darüberhinaus rannte ihm allmählich
die Zeit davon. Wer würde dann den hartnäckigen Besitzer des
blauen Wagens für die Ruhestörung zur Rechenschaft ziehen?
Mister Brown
hatte einen Geistesblitz: Wenn er den blauen Wagen fahren könnte,
würde das die Sache vereinfachen. Denn bis jetzt hatte er noch
nicht über ein Vehikel für seine Reise nachgedacht. Mit Hilfe
des blauen Wagens würde er nonstop auf der Schnellstraße
der unendlichen Freiheit entgegen fahren. Aber da war immer noch die
Klingel an seiner früheren Haustür, die jetzt nur noch dem
Fremden draußen zu gehören schien.
Mit einem Ausdruck
äußerster Verachtung sah er Pinky an, denn sie war verantwortlich
für diesen ganzen Ärger mit ihren verdammten Telefongesprächen.
Und er gab dem Hörer, dessen Schnur sich merkwürdig um Pinkys
Hals gewickelt hatte, einen schwungvollen Tritt ins Genick.
Es war nicht
leicht für ihn, sein Schwert wiederzubekommen. Pinky wollte es
einfach nicht mehr hergeben. Aber was kümmmerten ihn jetzt noch
ihre Wünsche? Er setzte ihr den Fuß auf die Brust, und mit
einem Ruck befand sich die Klinge wieder in seinem Besitz. Mit dem siegreichen
Schwert in der rechten und dem schwarzen Koffer in der linken Hand stieg
er würdevoll die Treppe hinab, um die Sirene und den blauen Wagen
zu erobern.
Als Mister
Brown auf einem kleinen Umweg die Eingangstür erreicht hatte, war
er sehr überrascht, sie bereits geöffnet vorzufinden. Dass
machte das Klingeln umso sinnloser. Ein gleißendes Licht viel
von draußen herein. Das erste Mal, so schien es ihm, erkannte
er plötzlich die innere Wahrheit dieser Tür. Es war nur ein
Loch in der Wand, auf dem Weg in eine fremde und unbekannte Welt. Der
rechteckige Ausschnitt spiegelte das Universum wie ein gerahmtes Gemälde.
Hinter seinem
Rücken oder von oben erhob sich ein leiser Schrei. Einen Moment
lang glaubte Mister Brown, es wäre Pinky, aber das war unmöglich,
denn sie hatte ihm fest versprochen, bis an den Rest ihrer Tage zu schweigen.
Nichtsdestotrotz rief er: Sei still, Pinky. Aber mehr zu sich selbst
und kaum hörbar, vielleicht war es auch nur ein stiller und unausgesprochener
Gedanke. Er ließ ihn hinter sich. Unter der Führung seines
Schwertes schritt er feierlich durch das Loch in der Wand in die Welt
und näherte sich mit kühnen Schritten dem blauen Wagen.
Der blauschimmernde
Flügel der Fahrertür stand weit offen in der sich spiegelnden
Frühlingssonne und Mister Brown nahm die Einladung dankbar an.
Eine weitere Pforte auf seinem Weg in die unendliche Freiheit. Niemand
würde ihn stoppen. Erst als Mister Brown bemerkte, dass sich kein
Schlüssel zu dem blauen Wagen fand, konnte er ein Gefühl,
das mehr Verwunderung als Enttäuschung war, nicht länger unterdrücken.
e.stern
Als der Sommer vor der Tür stand
Plötzlich
stand es da. Wie aus dem Erdboden gewachsen. Wo zuvor noch große
Bagger und Baumaschinen das Erdreich aufgewühlt hatten, so dass
man sich schon nach kürzester Zeit nicht mehr daran erinnern konnte,
was eigentlich vorher dort gestanden hatte, genau zwischen dem kleinen
Weg mit der Gitterpforte, die abwärts zu einem Panoramablick auf
den Burgberg führte, und den vergilbten Mauern des Nachbarn, war
plötzlich, wie frisch aus dem Ei gepellt, ein blütenweiß
verputztes und vollkommen symmetrisches Einfamilienhaus in den Hang
gebaut. Als ob es zusammenklappbar und bequem in einem Handkoffer Platz
finden könne, ließ es bald auch Lehmklumpen und Maschinenlärm
in Vergessenheit geraten.
Das war neu
für die Nachbarschaft. Erstmals hörte ich das Wort Fertighaus.
Nur ein Windstoß und der Spuk sei vorbei, so munkelte man hinter
vorgehaltener Hand. Mehr Informationen gab es nicht. Rätselhaft
blieb das Geschehen hinter der Hochglanzfassade.
Es erwies es
sich als glücklicher Zufall, dass bald zwei Knaben im Vorgarten
des Hauses auftauchten, den nur ein niedriger, dunkel glänzender
Jägerzaun, der immer noch nach frischer Beize roch, umhegte, und
hinter dessen kleiner Pforte mit dem zierlichen Riegelchen und dem nur
kirschgroßen Knauf man sich unweigerlich in ein Miniaturmuseum
versetzt fühlen musste.
Liliput war
anders. Man demonstrierte Ordnung. Der ausgerollte Rasen wurde kurz
gehalten. Betreten verboten. Zum Leid der Knaben konnte die Mutter auch
vom Küchenfenster aus die Oberaufsicht führen. Der Vater machte
sich nur an Wochenenden durch Autopolieren oder Rasenmähen bemerkbar.
Sonntags lag alles in tödlicher Stille.
Gegenüber
auf der anderen Straßenseite war das Gewächshaus mit dem
großen Garten. Von hier aus konnte man alles gut im Auge behalten.
Das Treibhaus war ganz aus milchigem Glas und bei jedem Schritt durch
das fahle, abgestandene und nach feuchter Erde riechende Licht, hatte
man Angst, etwas zu zerbrechen. Hierher trieb es mich oft zur Mittagsstunde,
wenn der Garten aufgeschlossen wurde. Schon von weitem sah man den Alten,
eine Kiste Setzlinge unterm Arm, die Straße heraufkommen, und
ich konnte es kaum erwarten, bis der klimpernde Schlüsselbund hervorgeholt
war und das klapprige Törchen aus Maschendraht geöffnet hatte.
Im Garten gab
es nicht nur Gemüsebeete, Tomatenstauden und Mirabellenbäume.
Die eigentliche Sensation war der mit feinem Schotter bestreute Eingangsbereich.
Hier, so erzählte der Alte, sei ihm vor einigen Jahren ein Karton
voller Fossilien hingefallen, als deren Sammler er sich bekannte, und
die er auch tatsächlich in dem kleinen Ladenfenster an der Ecke
präsentierte. Auch sei wohl noch einiges davon im Kies zu finden,
wenn man sich nur fleißig auf die Suche machte.
Und wirklich
blieb keiner meiner Besuche erfolglos. Zu jener Zeit sah ich mich bereits
im Besitz einer stattlichen Sammlung wenn auch winziger, so doch deutlich
erkennbar in filigranen Steinspiralen haltbar gemachter Schnecken und
Muscheln, die ich sorgsam in einer Schuhschachtel aufbewahrte.
Damit dachte
ich die beiden Knaben für mich zu gewinnen. Eines Nachmittags als
beide mit einem Springseil auf der Straße zu Gange waren, hielt
ich sie unverblümt dazu an, zu mir herüber in den Garten zu
kommen, um mir bei der Suche zu helfen.
Eifrig siebten
wir zu dritt den steinigen Grund, den ich, um der besseren Ausbeute
willen, zuvor noch mit einigen entbehrlichen Stücken aus meiner
Sammlung präpariert hatte. Aber schon nach kurzer Zeit untergrub
die Mutter unsere archäologischen Forschungen, und rief beide vom
Küchenfenster aus, unter der Vorgabe, den Alten nicht bei der Gartenarbeit
zu belästigen, zum Händewaschen ins Haus. Leicht geknickt
blieb ich allein zurück. Doch gelang es mir in den darauffolgenden
Tagen noch öfter, die beiden Knaben zu mir in den Garten zu lotsen.
Bald ließen
wir die Versteinerungen hinter uns, und wagten uns auf die Straße.
Hier gab es so gut wie keinen Verkehr, der sich, nachdem die beiden
aus ihrem Klapphaus nicht nur eine ziemlich echte Polizeimütze,
sondern auch noch eine dazugehörige Kelle plus Dokumententasche,
sowie ein kleines Eimerchen bunter Kreide hervorgeholt hatten, umso
besser regeln ließ. Entweder gab ich den Zollmann, oder hielt
selbst im Kettcar vor der gemalten Grenze an, um meine Einreise von
den zuständigen Behörden kontrollieren zu lassen.
Auch dieses
harmlose Spiel wurde von der Mutter offenbar mit Argwohn betrachtet.
Das Abenbrot duldete nie einen Aufschub. Kurz vor halb sechs, der weinrot
glänzende Wagen des Vaters war kaum in die Garageneinfahrt eingebogen,
war es höchste Zeit für das Tischgebet. Die Sonne glühte
noch, und unter dem blinzelnden Schutz der schattenspendenen Hände
konnte man das auch deutlich sehen, wenngleich sich immer eine gleißend
helle Scheibe vor das gelbe Gestirn schob, sobald man zu ihm aufsah.
Eines Tages
kam es zu einem Zwischenfall. Ich trug, ich weiß selbst nicht
warum, ein weites kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln. In den rechten
verirrte sich, sei es durch den entströmenden Schweißgeruch,
sei es durch das farbige Muster meines Hemdes angelockt, eine Biene
und versetzte mir, als sie keinen Ausweg mehr fand, einen Stich in meinem
Oberarm. Danach fiel sie ganz von selbst wie tot aus meinem Ärmel
zu Boden, und fast schockiert sah ich dabei zu, wie das gelbschwarzgestreifte
Tier langsam über den grauen Asphalt kroch. Mehr aus Mitleid, denn
aus Rachebedürfnis beendete ich das kleine Leben der geflügelten
Honigspenderin, das ohnehin seinen Stachel verloren hatte, unter meiner
Schuhsohle.
Da sich schnell
eine Schwellung ergab und sich ein nie zuvor gefühltes Brennen
meines Körpers bemächtigte, wo das Gift der Biene sich seinen
Weg durch mein Blut bahnte, begann ich Alarm zu schlagen. Die beiden
Brüder schauten mich, dann sich, und wieder mich verdutzt an, und
wussten zunächst offenbar nichts besseres zu tun, als ins Haus
zu laufen, und mich allein draußen auf der Straße meinem
Schicksal zu überlassen.
Kurze Zeit
später aber kamen sie doch wieder heraus, die strenge Mutter im
Schlepptau. Mir war die ganze Sache etwas unangenehm und während
sie die gerötete Einstichstelle auf meinem Arm unter beschwichtigenden
Reden mit Essig behandelte, und ich, wohl auch wegen des unangenehm
säuerlichen Geruches, der so ganz und gar nicht zu dem schönen
Wetter passen wollte, mich unter tausend Beteuerungen schon längst
wieder vollkommen hergestellt sah, wickelte sie mir ein gestreiftes
Küchentuch um den Arm, dessen Muster sich gar verwegen zu meinem
Hemd ausnahm.
Der Schmerz
war schnell gelindert, allein der Essigduft blieb. In diesen mischte
sich der an frisch gebackenes Brot und Kerzenwachs erinnernde Geruch
der braungelockten Samariterin. Es war dasselbe Aroma, welches ich zuvor
bereits, wenn auch kaum wahrnehmbar an den beiden Brüdern bemerkt
zu haben glaubte und noch halb betäubt vom Bienenstich dämmerte
mir die Erkenntnis, dass dies der Geruch des Fertighausinneren war.
Noch nie hatte
ich Liliput betreten. Stillschweigend waren wir immer vor dem Jägerzaun
zusammengekommen. Ich war von meinem Beobachtungsposten aus dem Steingarten
zum Zollspielen fortgeschritten. An einem Autowaschtag war es, wo nicht
zu einer Wasserschlacht, so doch zu einer planvoll durchdachten Kanalisation
des schäumenden Abwassers gekommen. Den ganzen Nachmittag lang
lenkten wir den Lauf des Wassers, mit kleinen Zweigen, Steinen und Eimerchen
sorgsam darauf bedacht, die Flüsse zu Seen zu stauen. Ein anderes
Mal wurde mir, dem Ungläubigen, das Prinzip des Telefons nähergebracht.
Nüchtern demonstrierten die beiden Brüder ihre Wissenschaft
mittels zweier Plastikbecher, die, durch eine lange und dicke Schnur
miteinander verbunden, Gespräche auch über weite Entfernung
ermöglichten. Noch nie aber hatte sich die kleine Pforte mit dem
zierlichen Riegelchen und dem kirschgroßen Knauf geöffnet.
Durch diese
Pforte ging ich erstmals an einem stillen Samstagmittag. Das Licht verfing
sich in den Gardinen und blendete die Fenster und der Giebel warf seinen
scharfen Schatten auf den glattgemähten Rasen. Im Spiegel der gläsernen
Eingangstür überprüfte ich die Frisur und zog ihr die
Socken hoch, die, wie ich erst jetzt bemerkte, schon fast in den Schuhen
verschwunden waren. Die Klingel funktionierte, aber ich musste mehrmals
läuten, bevor sich etwas im Inneren regte. Die Tür öffnete
sich und vor mir stand das Familienoberhaupt höchstpersönlich.
Vollkommen in seinem weißen Nachthemd und mit der langen Zipfelmütze,
die verschlafen vom Kopf baumelte. Ich stand da wie angewurzelt. So
hatte ich weder ihn, noch sonst jemand je gesehen. Nicht nur dieser
Aufzug war verdächtig, auch dass alle, sogar die beiden Knaben
zur gleichen Zeit ein Nickerchen hielten, erschien mir trotz der Beteuerung
des gutmütig gähnenden Vaters damals völlig unglaubwürdig.
Beim nächsten
Mal vermied ich die Mittagsstunde und hatte mehr Glück. Ich wurde
in das Spielzimmer der beiden Knaben vorgelassen. Dort staunte ich nicht
schlecht über die wohleingerichtete Kinderstube. Man hatte offenbar
weder Kosten noch Mühen, gescheut, um die Kulisse möglichst
echt wirken zulassen. Ich hatte nur Attrappen erwartet und fand neben
einer ziemlich komplett ausgestatteten Puppenküche sogar einen
filigranen Mini-Backofen, der glücklicherweise gerade in Betrieb
war, wobei ich mich von der Funktionstüchtigkeit des außerordentlich
kleinen und nur mittels eines Spezialadapters anzuschließenden
Elektrogeräts überzeugen konnte.
Viel willkommener
als der frische Rührkuchen aber war die Entdeckung, die ich auf
dem Weg dorthin machte: In einem dunklen Winkel in der Nähe der
Eingangstür war eine große Kiste mit der Beschriftung: Arbeitskleidung.
Unwillkürlich musste ich an den schlafwandlerischen Auftritt des
Vaters denken und konnte nicht anders, als Nachthemd und Nachtmütze
mit der Kiste in Verbindung zu bringen. Was wurde hier gearbeitet und
woran? Und wieso verkleidete man sich dabei? Was geschah wirklich an
diesen heißen und stillen Sonnentagen hinter der Klappfassade?
Das Rätsel
blieb ungelöst. Der Sommer ging und plötzlich hieß es,
der Vater sei gestorben. Herzschwäche. Niemand wusste genaueres.
Niemand, bis auf die Witwe mit ihren beiden Söhnen. Ob sie auch
bald, so wie sie gekommen waren, ins Nichts verschwinden würden?
Dann würden sie das Haus wieder zusammenklappen und in einem kleinen
Koffer verstauen, genau so, wie es der Vater ihnen damals gezeigt hatte.
e. stern
Dornröschen
Ihre bescheidene
Art erlaubte es kaum, Notiz von ihrem kurzgeschnittenen, glatten Haar
und ihren hinter der Brille farblos wirkenden Augen zu nehmen. Ein sanftes
und stilles Wesen, nicht ohne Gefühl für die eigene Würde,
wie es schien.
Als sie noch
jung war, spielte sie Prinzessin. Vor einer prachtvollen Kulisse wuchs
die Mädchenphantasie zu echter Größe heran. Denn in
der Nähe befand sich ein Schloss, vormals Besitz eines Grafen,
dessen letzter und sehr frommer Nachfolger seine irdischen Güter
hinter sich gelassen und sich in ein Kloster zurückgezogen hatte,
wie ihre Großmutter noch zu erzählen wusste. Es war ein schönes,
wenn auch nicht überdimensionales Herrenhaus.
Der italienische
Architekt Astrella, bekannt für seine nüchterne Bauweise,
hatte zinnenbewehrte Türmchen auf jeder Seite der barock balkonierten
Front angebracht, die auch für Touristen geöffnet waren. Sie
interessierte sich nicht für Architektur und spürte auch später
keinerlei Drang das Innere des Schlosses zu besichtigen. Noch nach vielen
Jahre war sie fast enttäuscht, als sie einige Bilder des Interieurs
in einem Buch über Astrella fand, dass ihr der Zufall in die Hände
gespielt hatte.
Doch sie liebte
es, in dem großen Park zu sitzen und das Schloss aus der Distanz
zu betrachten, andächtig in der artigen Symmetrie des Platzes,
deren Formen sich selbst die Bäume, welche die große Fontäne
umrahmten, anpassten, versunken. Alles war in Harmonie. Alles hob die
herrliche Majestät des Gebäudes hervor, so dass sich ihre
Augen keinen gefälligeren Ausblick wünschen konnten.
Obwohl es den
pompösen Prunk und die Pracht eines Palastes entbehrte, gab es
Grandeur genug, um ihren Geist mit märchenhaften Tagträumereien
von König, Hof und Königin, von Bällen und Banketten
anzufüllen. Sie besaß für jeden einzelnen Tag im Jahr
ein spezielles paar Schuhe, nur Sonntags trug sie ein und dieselben
Schwarzen. Und im Monat Mai, wenn sie Geburtstag hatte, duldete sie
nur Rottöne, denn Rot war ihre Lieblingsfarbe: Rotorange, Kamin,
Zinnober, Bordeaux, Kirsche Scharlach und Rosa.
Und in dem
Park küsste sie auch ihren ersten Kuss. Das war schrecklich romantisch.
Er hatte ihre Brille vorher abgenommen und sie neben sich in Gras gelegt.
Als er sich über sie beugte und sie ihm nachgebend zu Boden sank,
zerbrach sie unter ihrer Schulter. Die Affäre erwies sich schnell
als Verlust. Sie wurde krank und mußte lange das Bett hüten.
Es waren ihr kaum Erinnerungen an diesen fieberhaften Lebensabschnitt
geblieben. Aber am Tage ihrer Wiederauferstehung war sie keine Prinzessin
mehr. Gemessener lenkte sie ihren Schritt in den Schlosspark.
An der Stelle,
wo sie sich das erste Mal geküßt hatten, kniete sie sich
ins Gras und streichelte die zarten Halme behutsam mit ihren Händen,
als ob sie des Trostes über ihre Rückkehr bedürften.
Plötzlich fühlte sie einen stechenden Schmerz. Ein kleiner
Glassplitter hatte sich in die Kuppe ihres Ringfingers gebohrt, aus
der ein Tropfen hervorquoll und den Rasen rötete. Vorsichtig zog
sie den Stachel heraus und saugte an ihrem Finger, um das Blut zu stillen,
das erstaunlicherweise gar nicht bitter schmeckte. Obwohl sie sich nicht
sicher wahr, ob der Splitter von ihrer zerbrochenen Brille stammte,
hob sie ihn auf. In einer kleinen Perlmuttdose, in der die Großmutter
ihre Pillen aufzubewahren pflegte. Das ist lange her, doch das gläserne
Kleinod ist immer noch da. In einer größeren Kiste unter
anderen Souvenirs, unsichtbar geborgen und fern vom Rest der Welt.
e. stern
Emma
„Aber
zu Hause war niemand.“ Erschöpft ließ Emma den Kopf
auf die hölzerne Tischplatte sinken, ihr Magen hob sich von den
drei Wassergläsern polnischen Wodkas, die sie heruntergestürzt
hatte, um schließlich mit zitternden Fingern den weißen
Umschlag zu öffnen. Mit angehaltenem Atem hatte sie eine Ansammlung
kruder Sätze überflogen, doch dieser letzte schien ihr den
Höhepunkt zu markieren, sie kam nicht über ihn hinaus, sie
dachte an den Witz, den sie sich als Kinder erzählt hatten: Geht
ein Mann zur Polizei und sagt: „Niemand hat mir auf den Kopf geschissen
und Keiner hat`s gesehen.“ So oder so ist Niemand kein guter Mensch,
dachte sie verworren, so oder so ist es eine Unart anderen Menschen
auf den Kopf zu scheißen, obwohl ihr die Vorstellung, dem Schreiber
des Briefes auf den Kopf zu scheißen unter den gegebenen Umständen
nicht eben abwegig erschien. Nicht mal-oder erst recht- in existentiellen
Situationen bringt es der Mensch fertig die Dinge zu einem dezenten
Abschluss zu bringen.
Man konnte,
dachte Emma, eine Menge ertragen, wenn es würdevoll vonstatten
ging. An diesem Punkt wankte sie ausgesprochen unwürdevoll ins
Bad, um sich in die Kloschüssel zu übergeben. Ermattet sackte
sie neben derselben zu Boden und versuchte nachzudenken. Doch dieses
Unterfangen wurde von den bonbonrosa Kacheln, welche die vor ihr aufragenden
Wand bedeckten maßgeblich beeinträchtigt. Sie riss an einem
Handtuch, das auf einem Haken schräg über ihr hing, und legte
es sich über den Kopf, bis Dunkelheit sie umfing. Sie schloss die
Augen und verharrte einige Minuten unbeweglich. Als sie die Augen wieder
öffnete und den Blick nach unten wandte, erspähte sie durch
die Lücken, die der Faltenwurf des Handtuches entstehen ließ,
einige vorbeiflitzende Silberfische, große und kleine. Kreuz und
quer rannten sie über die feuchten Fliesen und alle schienen sie
geschäftig irgendein Ziel zu verfolgen. Das ist mehr, als ich momentan
von mir behaupten kann, erkannte Emma trotz ihrer alkoholgetrübten
Synapsen.
Nach einigem
angestrengten Nachdenken kam sie zu folgendem Schluß: die sich
auftuenden Möglichkeiten waren folgende: Erstens: Sie konnte aufstehen,
den restlichen Büffelgras-Wodka exen und den Brief zu Ende lesen,
das wäre zumindest konsequent oder, zweitens: sie ging ins Bett
und verdarb sich den morgigen Tag, indem sie ihn mit der Lektüre
der Schlussworte begann. Dann bring ich es doch lieber zu Ende, beschloss
sie, erhob sich mit schmerzendem Steißbein und schleppte sich
zum Küchentisch.
Entschlossen
griff sie nach der Flasche und würgte tapfer an den restlichen
Schlucken des Wodkas und nahm den Brief zur Hand, ohne sich weiter an
stilistischen Eigentümlichkeiten aufzuhalten, konzentrierte sie
sich auf seinen Inhalt.
Es täte
ihm Leid, er liebte sie noch, doch er sehe keine Perspektive, sie seien
zu unterschiedlich und letzten Endes bestünde ja doch nur die Gefahr,
dass sie Scheidungskinder produzierten. Dieser letzte Schlenker überraschte
sie. Wieso Scheidungskinder? Hatten sie je über Kinder gesprochen?
Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Der Satz „Aber
zu Hause war niemand“, über den sie beim ersten Lesen gestolpert
war, bezog sich darauf, dass er ihr den Schlüssel hatte vorbeibringen
wollen und sie nicht da gewesen war. Erst jetzt begriff sie: sie drehte
den Umschlag um, heraus fiel klimpernd ihr Wohnungsschlüssel. Verschieben
wir`s auf morgen, dachte sie umnebelt, stolperte ins Bad, übergab
sich ein zweites Mal. Diesmal schaffte sie es nur bis zum Waschbecken,
dann ließ sie sich vollständig angezogen ins Bett fallen.
Der nächste
Morgen war weniger schlimm, als sie erwartet hatte, und schlimmer als
sie sich je hätte ausmalen können. Weniger schlimm insofern,
als dass sie wider Erwarten kaum Kopfschmerzen hatte, die Hölle
hingegen war, dass sie mit sehr klarem Kopf einsehen musste, dass die
Trennung amtlich war und es kein Zurück mehr gab. In dieser Hinsicht
war er konsequent, das wusste sie, schließlich war seine Prinzipientreue
einer der Gründe gewesen, weshalb sie sich in ihn verliebt hatte.
Sie hatte Hans
über eine Freundin kennen gelernt, die Fotografin war und eines
späten Abends eine Aufnahme von ihr gemacht hatte, die wie ein
ätherisches Marienbild aussah. Das Kerzenlicht war so auf ihr Haar
gefallen, dass ein leuchtender Heiligenschein um ihr Gesicht zu schweben
schien und der Blick war sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. „Ist
die schön!“ hatte er gesagt und sich auf der Stelle unsterblich
verliebt. Die erste Begegnung hatte allerdings erst Monate später
stattgefunden, doch dann war sie spektakulär.
Sie waren aufeinandergeprallt
und hatten sich auf eine Weise ineinander verkeilt, die Emma zuvor nicht
für möglich gehalten hätte: sie schliefen nicht, sie
aßen nicht, sie nährten sich von den Blicken und Berührungen
des anderen. Das Einzige, was sie noch allein taten, war die Toilette
aufzusuchen, Minuten der Trennung, die sie unfehlbar aufrieben und einander
in die Arme stürzen ließen, um die verlorene Zeit ungeschehen
zu machen. Dieser Zustand führte zwangsläufig zum emotionalen
Overkill. Der Ton wurde schriller, seine Umarmungen fordernder. Sie
bekam Atemnot und keuchte bei der geringsten Anstrengung, er ging dazu
über, Aufträge in entfernten Städten anzunehmen.
Diese Ruhepausen
brachten beide wieder zur Besinnung, und rasch wurde deutlich, dass
hier nicht nur zwei extreme Charaktere kollidiert waren, sondern auch
sehr unterschiedliche Lebensentwürfe. Er folgte kompromisslos seinen
Bedürfnissen, wenn er fort war, meldete er sich kaum und wenn er
sich in der Stadt aufhielt, hatte sie ihre ganze Zeit ihm zu widmen.
Emma sträubte und weigerte sich, Freunde und Interessen zu vernachlässigen
und begann zu ahnen, dass der Preis, den sie zu zahlen hatte, zu hoch
sein könnte. Das Ende kam schneller als erwartet.
Sie waren eine
Woche unterwegs. Seine Fotografien wurden bei verschiedenen Ausstellungen
präsentiert und schon bei der Vorbereitung und dem Aufbau redeten
sie kaum mehr miteinander. Emma flüchtete sich in mittelmäßig
spannende Unterhaltungen mit den anderen Künstlern und den Kuratoren,
er konzentrierte sich auf seine Arbeit. Beim gemeinsamen Frühstück
stritten sie über die korrekte Art, ein Brötchen zu schmieren,
und abends hatten sie quälenden Sex. Emma fühlte sich halb
vergewaltigt und Hans ließ seine Wut an ihrem Körper aus,
der zum Schlachtfeld geriert war. Sie aß nicht mehr, schluckte
Valium und konnte nicht weinen. Auf der Rückfahrt dann beschlossen
sie, sich für eine Zeitlang zu trennen, doch im Grunde war ihnen
klar, dass das nicht reichen würde.
Als Emma seine
Wohnung verließ und sich zur U-Bahn schleppte, hatte sie ihren
Ort verloren. Die Psychiaterin, die sie um Hilfe bat, diagnostizierte
einen Nervenzusammenbruch und wies sie in eine Klinik ein. Sie verbrachte
drei Tage im Tablettenrausch und als sie wieder zu sich kam, musste
sie feststellen, dass die glasigen Augenpaare, denen sie im Flur begegnet
war, zu Menschen gehörten, die weit größere Probleme
hatten. Ihr wurde klar, dass hier keiner, außer den Ärzten,
einen zusammenhängenden Satz von sich zu geben imstande war.
Sie fühlte
sich sehr allein. Die Ärzte entließen sie erleichtert und
rieten ihr, sich Ruhe zu gönnen. Das tat sie, sie fuhr zu einer
entfernten Verwandten nach Hamburg und verbrachte sonnendurchflutete
Tage am Elbstrand und auf dem Ponton von Blankenese. Eines Tages machten
sie eine Fahhradtour durch die Apfelplantagen Finkenwerders, und Emma
wusste, als sie einen roten Apfel, der süß und saftig in
ihrer Handfläche ruhte, betrachtete, dass sie soweit war. Sie verabschiedete
sich und fuhr nach Hause.
Hier hatte
der Brief auf sie gewartet. Nach dem Poststempel zu urteilen, hatte
er schon ein paar Tage gewartet. Emma veränderte ihre Position
im Bett und beobachtete, wie die winzigen Staubpartikel, die durch ihr
Zimmer tanzten, aufleuchteten und verglommen wie Kleinst-Meteore, wenn
sie die Schneise passierten, die sich das Sonnenlicht durch den Spalt
zwischen den nachtblauen Vorhängen gebahnt hatte. Sie stand auf
und zog die Gardinen beiseite, vor ihr lag ein neuer Tag, das gelbliche
Herbstlicht beleuchtete die verfärbten Blätter der Linde,
die einen Großteil der gegenüberliegenden Häuserfront
verdeckte.
Sie zuckte
zusammen, als das Telefon schrillte, zögernd hob sie ab und schwieg.
Am anderen Ende der Leitung herrschte ebenfalls Schweigen, dann sagte
Hans: „Ist da jemand?“ Nein, niemand, dachte Emma und legte
auf.
Frauke Lengermann, Oktober 2003
Stille
Tage in Klischees
Das ICH an sich hatte ja weder je das Bedürfnis herauszufinden,
was es eigentlich ist, noch auf welchem Schauplatz sich der schwer angerostete
Kilometerzähler gerade befindet. Und sooft man auch "Erwachet"
oder "Im Wendekreis des Krebses" gelesen haben mag, das ICH
lag immer ausgesprochen schwer in der gezinkten Kommandozentrale. In
der Tat dem Boden so atemberaubend fern. Das gibt es! Womit wir auch
gleich zum Thema kommen:
Ausgangspunkt
solch ausklappbarer Mutmaßungen war nicht nur ein abgestandener,
nicht wahrnehmbarer Geruch, welcher ungeschnitten in der Luft lag, sondern
auch Folgendes: Nach langem Hin und Her, beim Durchspielen von halb
emotionalen Szenarien, habe ICH mir endlich den unverkennbar mit Silikon
aufgepolsterten Ehren-Clubvorsitzenden vom Frauengesangsverein geleast.
Es handelte sich um das badetaugliche Modell "Stroganov II",
21-jährig mit karierter Augenklappe und schon einigen absolvierten
Einsätzen. Es hatte eine große Heckwelle ohne Ausdruckszwang
und hieß "Arisyonow" oder so. ICH nannte ihn Arschy.
Obwohl diese
sehr hohe Nummer auf der Rückseite seines rein silbernen Hämorridenringes
graviert war, konnte er außer irgendwelchem Kauderwelsch kaum
sprechen. Nicht einmal schlagen wollte er mich! Das erzeugte ein dunkles
Staunen, während ICH ihm in norddeutscher Tradition den Begriff
"Face" neben seinen unelastischen Schließmuskel hochauflösend
tätowierte. Sie ahnen schon, worum es geht? Ja, ICH musste ihm
einfach Plattdeutsch beibringen – wo es 62 verschiedene Worte
für ICH gibt. So ließen sich schmutzige Begriffe kaltherzig
aussetzen, ohne dabei leidenschaftslos aus dem Bauch reden zu müssen.
Schwer durch
gedankliche Hochfrequenzen gekennzeichnet dann vor einem Bauchladen,
an dem ICH mit einer Einführung zu "Konfiguration und Pflege
von maskulinen Nymph-Robots" an der Kasse stand, legte eine nach
Spanferkel riechende Spätverkäuferin, im diffusen Halbdunkel,
das Buch "Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel"
ziemlich eindeutig auf die Zwischenablage, von Georg Iwanowitsch Gurdjieff,
einem raufaserhaften Sachbuch-Heiland, den man nicht fragmentarisch
wegliest, umfangreich, durchzogen mit epileptischen Theorien. Wer so
was schon mal unter Schlafmangel leidend gelesen hat, möchte es
nicht noch einmal, und jene, die nicht, nicken und finden es ebenfalls
so, nicht nur, weil das Nicken ja mittlerweile ein Breitensport ist.
Extrem gestärkt
vom Dauernicken fühlte ICH mich, als ob Dr. Kohl in mir wohnt habe
sofort die Toten das Sterben gelehrt und wollte mir unnötige Körperteile
entfernen –, wäre dann aber nichts mehr übrig geblieben!
Doch nächstes Mal werde ICH mich wie ein Profi verhalten. Danach
brauchte ICH 2 Tage (doch Zahlen sind seitdem unwichtig) im Schutz einer
kompetenten Altherrenrunde, um mir dieses Erlebnis schön zu spritzen.
Nun könnte man glauben, dass solche Ereignisse doch irgendeine
Form von Photosynthese hinterlassen müssten welche zumindest kübelweise
die Aufhebung aller Grenzen symbolisiert. Doch nichts hatte sich dadurch
verändert. Die ICH-Routine war komatös und stets die gleiche.
Sie führte mich durch ein gedankliches Schwindelgefühl immer
wieder zu einem unhygienischen Anfang:
Da war der
Mann, den ICH damals am intervallgeschalteten Bahnübergang traf.
ICH fragte ihn: "Darf ICH Sie Majestät nennen?" Dann
kam herrlicher Geschlechtsverkehr ohne Hautabschürfungen, nur beim
Blowjob scheiterte es daran, dass ICH seinen Kopf nicht fand. Diese
Art von erotischer Kampfkunst war heterogen, homogen und gengen zugleich.
Nicht einfach nur sex xes esx xse. ICH wollte, Sie hätten das sehen
können.
Seitdem befinde
ICH mich in einem erwachsen gewordenen Dilemma – damit meine ich
nicht den Hang, immer das falsche Klo zu benutzen: Jedes Mal, wenn ICH
einen Mann näher betrachte, fällt mein Blick mit erhöhter
Sogwirkung auf seinen Körper. So er denn ohne Kopf ausgestattet
ist, verliebe ICH mich wider mein Gewissen und ohne jede Vorwarnung,
das verfolgt mich dann und geht so weiter bis 5 Stunden vor Mitternacht.
Man hätte einen Wecker danach klingeln können. Was mir verständlicherweise
jedes Mal den Schweiß aus der grobporigen Haut drückte. Selbst
mein viel gepriesenes Deo, aus erster Ehe, begann da in allen Ausbreitungsrichtungen
zu versagen. Mein Bac dein Bac? Solche Vorfälle sind bis heute
nicht selten geblieben.
Nur so viel
sei an dieser Stelle notiert: In einem nahrungsreichen Biotop, in dem
große Teile der ansässigen Menschenzucht einer artverwandten
Rasse der Dauernickpolypen verzweifelt nach einer Sinnperformance suchen,
ist ein Kreis allenfalls ein rundes Quadrat. Durch diesen reduzierten
Zusammenhang einer radikalen Ergebnissuche wurden auch bei Bac die Werkseinstellungen
verändert. Denn dieses Deo brachte nur Erklärungsnot. Bac
war lange genug der Roberto Blanko unter den Deos. Einziger Wermutstropfen:
Nicht alles symbolisiert etwas.
Was soll’s.
Durch meine zerkratzte, silberne Schweißerbrille schreibe ICH
weiter über lizenzierte Quantensprünge in asiatischen Entbindungsheimen.
Das tue ICH immer, wenn ICH nicht weiß, was angesagt ist: der
Gravitation Einhalt zu gewähren, zwangszahme Festzeltphilosophen
zu imitieren oder das Erbe von S. Freud anzutreten der ja durch fieberhafte
Wunschklang-Rollenspiele über 3 ICHs verfügte.
angelo john
ashman
Unzweifelhaft at High Noon
An den seltenen
Tagen, an denen sich das nächtliche Koma vor 13.00 Uhr verabschiedete,
glänzte ein derber Gemütszustand wie ein ständiger Schatten
durch Anwesenheit. Natürlich war nicht nur die kontaktfreudige
Tse-Tse-Fliege vom letzten durch fortschreitende Vereinsamung gebuchten
Zwangsurlaub in Südost-Kenia daran schuld.
Doch zwei Minuten,
ein paar hergerichtete Gedanken über girl + boykott und mehrere
durch Hochdruck in den Weizenspoiler gepumpte Mulatten-Faxe später,
wurde eines klar: Faxe hört immer geduldig zu, streitet nicht und
sagt niemals nein. Echt leidensfähig. Niemand hätte das alles
mitgemacht! Es neigte sich jedoch, unpassend pünktlich, hier am
pixelgetreuen Hauptbahnhof – der wie eine rostviolette Trash-Tragödie
durch radikale Originalität beeindruckte – unzweckmäßig
dem Ende zu.
Nachfülloptionen
– keine: mangels Zahlungsmittelanerkennung und unfruchtbarer Beschwörungsformeln.
Wollte es diesmal ohne Fünf-Finger-Rabatt realisieren. Also, Münzvermehrungsaktion
durch schweißtreibendes Sitzen gekoppelt mit zeremoniellem Gesäßhusten,
um den Aktienkurs für Hopfen in die Höhe zu treiben. Danke
– zumindest die Streifen hatten keinen Dienst!
Nach einer
4-Stunden-Obertonsinfonie mit dem gläsernen Didgeridoo –
die leere Bierflasche senkrecht gehalten – gab’s 37 Cent,
einen Neolampenbrand und eine Gratisdusche von Atoll, der Mischlingsdogge
aus der kindersicheren Bio-Wurst-Bude von hinten rechts. Rezeptfreies
Glotzen von überall! Fühlte sich an wie eine pneumatische
Darmspiegelung während einer Vierschanzentournee.
Zwangsvereinbartes
Atmen, um dann das Trauma in der Fötusposition bei Burger King
zu bewältigen. Gute Idee, eigentlich. Konnte es aber nicht noch
einmal durchleben – lieber den Schmerz in Lysergsäure auflösen.
Doch Lysergsäure war schon wieder nicht vorrätig in der Bahnhofsapotheke!
Der Wunsch, hier und jetzt den individuellen 11. September zu realisieren
und den Himmel über der Wüste live zu erleben, wurde mangels
Flugzeug und unbequem sitzendem Sprengstoffgürtel nicht realisiert.
War mal wieder kein Bombenwetter!
Doch manchmal
ging auch das vorbei. Besonders wenn der wohlverdiente Duft von Lösungsmitteln
ohne Umleitung in den blank geriebenen Geruchsschnorchel zog. Stück
für Stück lösten sich so wichtige Informationen aus der
Substanz. Dann wurde auch der Aufkleber 'Vorsicht Anfänger' vom
Oberarm entfernt.
Unerhört
kleidsam stauten sich ausrangierte Augenblicke. Dann endlich ein normales
Déjà-vu! Weibliches Säugetier mit Going-Down-Xpression
– wahrscheinlich selbstständige Kanaldeckeldesignerin. Sie
trug einen spätmodischen Rucksack und kariesbraunes Haar nach dem
Zufallsprinzip. Der Blick kletterte vierspurig an ihrem Beinkleid hoch.
Dabei blieben Beißgestänge und verschiedene Fragen offen.
Vor Nachtblindheit
und naturgetreuer Begierde: Will SIE (Name von der Redaktion geändert)
ohne Hintergedanken in meine Befehlsgewalt – Adoption nicht ausgeschlossen!
Vermittlung von zweideutig dreidimensionaler Verbalerotik durch akustisches
Familienalbum. Zum Sprechen viel zu erregt, wollte nur noch öffentlichen
Nahverkehr – obwohl innere Schönheit an erster Stelle steht!
Doch SIE elementar gelangweilt von dem orgastischen Notruf – welcher
nur wildwuchernd die psychischen Anteile des Trieblebens repräsentierte.
Nicht mal prostituierbar war sie! Beschwerte ich mich in der Bahnhofsmission
– schwer leidend unter einem Blutrausch im Schwellkörperbereich.
Wieder mal nur selbst gemachtes Einhandsegeln? Überlegte lange,
was zu tun ist – Denkfinsternis.
Zum Glück
verzog der feurigfeuchte Typ hinter dem Reisverschluss keine Miene.
Der spürte intuitiv, dass die Familienplanung noch nicht abgeschlossen
war. Irgendwann wird wieder ein Haustier da sein. Zum Glück gibt’s
dafür ja keinen Vaterschaftstest!
angelo john ashman