viSionen
…doch am höchsten unter ihnen ist die Liebe
Versuche in der Gottesliebe
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen
und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“
Gott sei die Liebe sagt das Evangelium, und das
höchste Gebot des Menschen bestehe in der Liebe zu Gott. Aber
wie denn geht die Liebe zu Gott? Wenn Liebe Ebenbürtigkeit
voraussetzt, wie kann das Übergroße, das Unmäßige,
das Unfaßbare geliebt werden? Beschränkt sich die Liebe
zum väterlichen mütterlichen Gott auf die Liebe eines
Kindes zu seinen Eltern? Darauf wie jemand zu einem ist, nicht was
er ist? Oder im Gegenteil egal wie einer ist, (also gerade nicht
mit allem was er ist), weil man seiner Liebe bedarf? Wäre Liebe
hier vor allem Bewunderung oder Verehrung, in die die eigene Unterlegenheit,
das eigene nicht-heran-reichen können, schon mit einbegriffen
ist?
Der eifersüchtige Stammesgott des Alten Testaments,
gespalten in sein Bedürfnis nach Liebe und furchtsame Unterwerfung,
provoziert sein ungefragt auserwähltes Volk zu kindischer Liebe,
die solange hält, wie seine wunderbare Fürsorge manifest
ist. In der nächsten Gefahr erscheint diesen die Unsichtbarkeit
Gottes als Zumutung und Vernachlässigung, die mit Zweifel oder
Abfall beantwortet wird. Je vollkommener, also unmenschlicher Gott
wird, desto mehr kann er reine Liebe sein, und desto schwieriger
wird es, seine Liebe zu erwidern.
Die mittelalterliche Mystik reagiert darauf mit
einer Übersprungshandlung. Der unüberbrückbare Abstand
zwischen Mensch und Gott wird zur Einheit verkürzt, die Welt
übergangen. Die mystische Verschmelzung, das Aufgehens des
Menschen in Gott wird bereitwillig bezahlt mit der Aufgabe der personalen
Besonderheit.
Die Verzückungsmystik, etwa einer Mechthild
von Magdeburg, liest das Gleichnis vom Erlöser als Bräutigam
ausgesprochen wörtlich, verfleischlicht den eigenen Nonnenstand
als Braut Christi soweit, daß keine Rede mehr sein kann von
Sublimierung. Bei Teresa von Avila im ausgehenden 16. Jahrhundert
erfährt sie wohl ihre deutlichste Ausprägung: O Herr,
liebe mich gewaltig und liebe mich oft und lang; je öfter du
mich liebst, umso reiner werde ich; je gewaltiger du mich liebst,
umso schöner werde ich; je länger du mich liebst, umso
heiliger werde ich hier auf Erden.
In der orgasmischen Plastik Berninis findet die
Vision ihre sachgemäße Umsetzung. Der Fleischrausch des
katholischen Barock macht die Verzückung zentral. In den überschwemmten,
verschwommenen Gesichtern der Heiligen Berninis oder Rubens ist
die Gotteserfahrung Rausch geworden. Nicht sehend, nur mehr bebend,
wird der Gläubige in orgiastischem Zerfließen von der
Übermacht Gottes willig überwältigt. Umso erstaunlicher,
daß gerade der Barock in Spanien, Land der Gegenreformation
und Inquisition, eher an gotische Gottesbegegnungen erinnert, an
die ruhig emporgekehrten Gesichter der Stiferfiguren denken läßt.
Bei Franzisco de Zurbarán bleibt selbst
die Verzückung seines Namenspatrons vergleichsweise gefaßt.
Auf Kopf und Geist begrenzt hält sich der Körper fest
in Haltung. Sein betender Franziskus befindet sich im Zwiegespräch
mit Gott, in ernster Unterredung, deren gestische Darlegung seines
Standpunktes, fast schon Ebenbürtigkeit der Gesprächspartner
nahe legt. Der jüngere Murillo, als sentimentalisierender Weichzeichner
der seichteste unter den bekannten Namen der spanischen Barockmalerei,
orientiert sich eher an Rubens Fleischlichkeit: „Christus
löst sich vom Kreuz, um den hl. Franz zu umarmen“. Aus
heutiger Sicht, hart an der Grenze zur Lächerlichkeit, gönnt
sich der Gekreuzigte eine zärtliche Pause seiner undankbaren
wie monotonen Tätigkeit, um mit dem rechten, plötzlich
freien Arm den heiligen Franziskus zu umfassen, der unter ihm sehnsüchtig
schmerzlich zu ihm aufschaut. Mit beiden Armen umschlingt er den
Körper des Heilands, beide Hände auf seiner nackten Haut.
Die rechte, die das Stigmata sehen läßt, faßt auf
die Hüfte, kaum oberhalb des Schamtuches. In schwülstiger
Darstellung wird so das franziskanische Ideal der Christusähnlichkeit
und –Nachfolge zu sehnsüchtigem Gefinger erniedrigt.
So wird es geradezu unfreiwilliges Gegenbild des ungläubigen
Thomas Caravaggios. In blöde glotzendem Staunen pokt Thomas
in der vaginalen Seitenwunde Jesu, während dieser mit trauriger
Nachsicht seinen Handgreiflichkeiten zusieht. Seine Jünger
machen ihm die Liebe nicht leicht. In fast schon obszöner Krassheit
wird das Begreifen-wollen (nicht ohne lüsternen Beiklang)denkbar
deutlich ausformuliert und zugleich in seiner Kurzsichtigkeit vorgeführt.
Glauben können oder wissen müssen. Ist
das Bedürfnis nach Beweis außer mangelndem Glauben nicht
auch Ausdruck von mangelnder Liebe? Sind Glaube und Liebe nicht
eigentlich verwandt? Glaube ist nicht zu rechtfertigen, ist grundloser
Grund. Wie Liebe stellt er sich ein (ohne dabei voraussetzungslos
zu sein), erhält sich nicht selbst, sondern muß immer
wieder erworben, errungen, begonnen werden, um am Leben bleiben
zu können.
Liebesbeweise – Gottesbeweise. Nicht der
Zweifel gefährdet den Glauben, sondern der Wunsch den Zweifel
im Beweis zu überspringen, statt ihn auszuhalten, auszutragen.
Das mangelnde Vertrauen in die Verläßlichkeit des Anderen
entspringt ja eigentlich aus mangelndem Selbst-Vertrauen, das sich
in die Zeugnisschaft der Welt flüchtet. Man will vom eigenen
Glauben überzeugt werden und verliert ihn dadurch. Glauben
verkommt zur Äußerlichkeit und wird, wie jede Äußerlichkeit,
so selbstgerecht wie empfindlich.
Franz von Assisi führt den Glaube, die Gottesliebe
in die Welt und findet ihn in ihr. Selbst der mystischen Erfahrung
zugetan, von der Sehnsucht nach der Gottesunmittelbarkeit erfüllt,
steht er wie keine andere Gestalt des Mittelalters beispielhaft
für die Verwirklichung auch der zweiten Seite des Liebesgebots:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird im
Mathäus Evangelium der Aufforderung zur Gottesliebe als ebenbürtige
Ergänzung und Vervollständigung nachgestellt. In der Mystik
ist Gottesliebe vor allem Gefühl und Erfahrung. Innerlichkeit.
Franziskus macht sie zur Lebensweise.
Zwar ist schon für Augustinus die Nächstenliebe
condicio sine qua non der Gottesliebe. Aber der Weg ist hier nicht
das Ziel. Die Nächstenliebe bleibt eine Stufe, die erklommen
werden muss, um auf die Höhe der Gottesliebe zu gelangen. Bei
Franziskus, dem „Troubadour Gottes“ artikuliert und
vollzieht sich die Liebe zu Gott auch als Liebe zur Schöpfung,
Liebe zu den Geschöpfen. Der franziskanische Mensch steht im
Verwandtschaftverhältnis zu den Naturkräften, zu „Schwester
Sonne“ und „Bruder Mond“.
Franz von Assisi ist Vorläufer wie Verkörperung
einer Liebe zu Gott, die nicht nur durch die Welt geht, sondern
sich in die Welt und in der Welt vollzieht. Die Liebe zur Welt,
die Liebe zum Nächsten, ist einzig gangbarer Weg zu Gott. Nur
der Umweg ist Weg. Die Abkürzung verfehlt.
tobias lenartz