Jahreszeiten
Die Bäume begrünen sich wieder
Der Osten vertreibt den Rost
und die Sonne treibt Knospen
bald blüht der Flieder
seine Träume in lila
Der Winter ist weg
und sein schneeweißer Schnee
schäumt nur noch die wogende
Tinte der See
Der lichte Himmel
Kein Schimmer von Schimmel in Sicht
fischt nach Gedichten in der Stimme der Gischt
und verspricht nichts verzichtet für immer
Die Bäume träumen den alten Wald
bald setzt sich im Westen der Rest
und die Sonne wird kalt
nur ein letzter Fetzen lila vom verblühten Flieder
schäumt noch über
Der Winter ist nah
und eine See aus Schnee
verschneit die Gezeiten
zu weißem Gelee
Der Himmel
wie immer weit weg
verzichtet auf lange Sicht auf das Licht
und verdichtet das schimmelnde Nichts
T A X I
Am allerliebsten fahr ich Taxi,
denn nur Tagediebe zahlen
für das Warten auf die Bahn.
Mit maximaler Armreichweite
lässt mir das Taxi freie Hand.
Ohne Lenkrad, doch nicht ziellos,
so sitze ich ganz vorn entspannt,
nebenan bei dem Chauffeur.
Und fährt verkehrt mal der Verkehr,
so kümmert mich das wenig.
Denn selbst bei Stillstand gilt:
Das Taxometer steht nie still,
und der Kunde bleibt hier König.
So schau ich gerne auch bei Stau,
durch die Scheiben abgeschirmt,
auf die regennassen Straßen,
wo die Passanten an den Ampeln
warten, bis es heiter weiter geht.
So macht das Reisen Spaß.
Auf weichen Polstern wie auf Federn,
auf solche Art bequem zu gehn,
durch optimale Beinfreiheit geschont,
gleitend wie von selbst bewegt,
in ständiger Motor Motion,
ein Weg der jede Mühe lohnt:
Hier Stop, da sind wir schon.....
wahlwiederholung
kein zeitsprung in der leitung
unter dieser nummer
schlummert
die person
die ich
vergeblich
versuche
telefonisch
zu erreichen
unerheblich
die information
der kommunikation
bei der wahl
zum freizeichen
kein zeitsprung in der leitung
nur ein störer am hörer
der in die röhre blickt
ungeschickt
und ungerührt
als wäre nix
die verflixten klix austrixt
den nächsten anruf
bucht und versucht
mit zugeschnürter kehle
und verschimmelter stimme
schon bei der vorwahl
schal im tonfall
die person ohne telefon
zu kontaktieren
auf allen vieren
sich von dem fakt
zu distanzieren
dass dieser dialog
ein solo ist
nur wie ein sog
die eigne tiefe misst
wo die luft zu knapp
zum atmen
und so schlapp
wie pappe ist
wie ein film
wo keine klappe fällt
wo sich in trüben schüben
eine welt erzählt
und um keinen anschluß zu verpassen
gelassen im fluss wie das wasser
H2O hoch 2
den draht zum quadrat wählt
kein zeitsprung in der leitung
g a l g e n v o g e l
e i n f a d e n
e i n f ä d e l n
e i n f a d e s l e b e n
a m s e i d e n e n f a d e n
e i n g e s c h m a c k
a b g e s c h m a c k t
e i n g e f ü h l
d a s s i c h n i c h t a b s c h ü t t e l n l ä ß
t
e i n v e r l u s t
d e r s i c h n i c h t v e r l i e r t
e i n l e i d e n
l e i d e r e i n l e b e n
l e i b h a f t i g
e i n b l e i b e n d e r s c h a d e n
e i n e s c h l i n g e
v e r s c h l u n g e n
e i n b a u m
e i n b a u m e l n
e i n e m a s t
e i n e l ä s t i g e l a s t
u n b e s c h w e r t
u n d d o c h k a u m z u e r t r a g e n
e i n h ä n g e n d e s v e r h ä n g n i s
e. s.
strukturelles geschick
das neue jahr sieht das alte gleich immer noch ist
das leben die sich reihenden jahre eine alte geschichte die wiederholung
einer tendenz gebettet in ein ausgemustertes feld bestellt von den linien
in der hand die den schicksalsweg vorzeichnen am anfang der traumstraße
auch auf dieser reise ist kein begleiter der vergangene meilenstein
wird noch einmal gelegt der film spult sich an anderen orten ab anders
scheint die handlung sich fortzusetzen doch die einmaligkeit der szene
trügt das drama kehrt wieder rückwärts voran getrieben
durch das noch nicht heute das verlockt doch mittendrin sieht es das
geschaute wieder als marke am wegrand auf altbekannten pfaden verliert
sich die lust am gehen und das vertrauen auf die gerade linie unbewegt
in der kurve erzählt der gefällte baum den querschnitt eines
lebens in wachsenden ringen die sich im kreislauf der Jahre beinahe
parallel einordnen
d.m.
Nebenschauplatz
Dass noch Brache übrig bleibt
Ungebrauchtes Gras
Im Ausschnitt zwischen bloßen Mauern
Schüttern aber aufgeschossen
Träge Hummeln dicht darüber
Auf der Wiese federn Spatzen
Sprenkeln das zähe Grün
Dazwischen der immer gleiche
Schachtelhafte Schuppen
lang schon befreit
Von den Spuren seiner Bestimmung
An den Wänden, die nichts mehr zu tragen haben
Haftet blätteriger Putz
wie sich wechselnde Haut im Sommer
Rostkrusten überwachsen
die Rauten des Zauns
Umhegen in weiten Maschen
Das unbetretene Gelände
Hier ist Fehlen fremd
Pause zwischen zwei Sätzen
Einhalt im Zusammenschluss
Spiegel der Gebäude die
im Unbehagen vor der freien Fläche
Sich enger aneinander drängen
Verschreckt doch verstohlen dankbar
aus Unaufhörlichkeit erlöst
Verlauf kehrt sich wieder ins Kreisen
Doch in der sonnenschweren Luft
Zittert das Gewesene
von dem die entjahrten Gesichter der Häuser
nun kaum noch etwas halten
als Nachbild in der Lücke
Abstand erscheint
Wie entfernter Horizont
Von der weichen Welle eines Hügels
Entrückt doch im selben Raum
Verdünnter Geruch von Schutt Zement und Kamillen
Zieht auf den Gehsteig die Straße entlang
Rührt an Gesichter Fassaden Laternen
Eltern haften für ihre Kinder
Der Sohn des Erfinders
Ulysses ist der sich plötzlich aber dann rasend entfesselnde Sturm,
das tosende Durcheinander. Sich türmende See, deren Gebrüll
von zer- dann aufplatzendem Donner übertönt wird, hochspritzende
Gischt, die aus dem zerwühlten von weißen Schlierenfetzen
bedeckten schweren Grau empor geschleudert wird und dazwischen begraben,
sich zwischen den Ritzen der Lärmfindlinge durchwindend, die sich
überschlagenden schrillen Schreie der Möwen. Tosen –
und auf einmal schweigen. Das Meer treibt ruhig, harmlos und stetig
gegen den Strand. Wolken ziehen über den schaudernden hellblauen
Himmel. In ihrem dichten leichten Raum gleiten die Möwen, der Horizont
ist geöffnet, erstreckt sich von da nach da und findet kein Ende.
Unendlich und fassbar, still und klar. Windstille. Tag.
t.l.
Die Alte
Die Schwestern klären das Bett, reißen
an Laken im Beisein der Damen
stoßen gefühllos behandschuhte Hände ins
Warm der Decken,
da wo noch eben die Haut sich spannte so
straff über’s Herz dass man dachte
die Alte
würd durch ihren Nabel in sich selbst
hineingezogen –
Die Brust hob und senkte sich schwer
im Takt mit dem
Quietschen eines Rädchens des Bettes und
die Schwestern besahen die sich windende
Last, die wider
spenstigen Füße, den wider
willigen Rest –
Luft
Und dann war es aus und da lag sie
die Alte
kein Lächeln, kein Röcheln aber immer
noch da
nicht im Nabel verschwunden nur
sichtbar, so sichtbar –
Die Damen staunten zur Tür herein
„Da IST sie, da IST sie, wie plötzlich, wie endlich,
wie i m m e r.“
a.k. walther