vOm bAume dEr eRkenntnIs

Über schöne Schlangenlinien und andere Säugetiere
Ein Kommentar zu Weiblichkeit und Sündenfall in der Genesis

Die Bibel erzählt in ihrem ersten Buch von der Entstehung der Welt und davon, wie sich die Dinge in ihr zu einer Ordnung finden. Auffällig ist dabei, wie sich nach und nach eine bipolare Struktur der Welt ausformt, deren Phänomene nicht ohne ihr Gegenteil erfasst werden können, wie sich Denken und Handeln in paarweisen Leitdifferenzen organisieren.

Das interessanteste „Paar“ innerhalb der Schöpfungsgeschichte bilden Adam und Eva. Die natürliche Bipolarität der Geschlechter verkörpert hier gleichzeitig die moralische Leitdifferenz von Gut und Böse, die als nackte Tatsache der Fortpflanzung erkannt wird.

Adams bessere Hälfte

Das erste Menschengeschlecht erhält den Namen Adam, der im Hebräischen „von der Erde“ bedeutet und semantisch auf den Staub als Ursprung alles Irdischen verweist. Die autochtone Gattung wird bereits im ersten Teil der Genesis geschlechtlich differenziert: Gott schafft sie als Mann und Frau. Erst in einem weiteren Kapitel der Schöpfungsgeschichte erhält das weibliche Geschlecht seine eigene Aitiologie, die der synchronen Geschlechterdifferenz eine chronologische Entstehung von Mann und Frau abgewinnt.

Aus dem Adamsgeschlecht wird der Mann Adam. Nach der Prämisse binärer Logik erfordert das „rein“ Männliche ein strukturell Anderes, aber der biblische Text driftet in ideologische Hierarchisierung ab: Die Frau wird von Gott aus einer Rippe des Mannes erschaffen. Zwischen Urvatertum und Patriarchat wird das männliche Geschlecht so zum Gattungsprimus, dem das weibliche erst im Nachhinein entspringt.

Alphamännchen und Männin

Wie konsequent die Ideologie des Textes operiert, verdeutlicht auch die hebräische Sprache: Das Weibliche wird zum Appendix des Männlichen, von diesem „Stamm“ nur durch eine Wortendung unterschieden: „Da sagte der Mensch: […] diese soll Männin heißen, denn vom Mann ist sie genommen.“ (Gen 2, 23) So gilt die Frau zwar als gleichartig, bleibt aber grammatikalisch und biologisch die Andere, die Zweite, wo Adam qua Geschlecht zum Alpha-Männchen avanciert.

Im Garten der Wonnen und Verbote

Doch zurück zum Garten Eden, in dem sich die ersten Menschen „fruchtbar vermehren“ sollen. Ihre geschlechtliche Differenzierung hat also ursprünglich eine rein biologische Funktion. Auch die unbekümmerte und schamlose Nacktheit des Adamsgeschlechts gehört zu dieser vor-ideologischen, vor-moralischen „glücklichen“ Natur, die gemeinhin im Begriff des paradiesischen Ur-Zustandes erfasst wird.

Erst der Sündenfall markiert einen radikalen Wandel: Mit der Erkenntnis des Guten und Bösen ändert sich auch die Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit. Im Bruch mit dem göttlichen Tabu verwandelt sich Unwissenheit in Erkenntnis, unbesorgte Nacktheit in Scham. Der Sündenfall wird so zur doppelten moralischen Initiation des Adamsgeschlechts, wo die Feigenblätter nicht allein vor dem Auge Gottes, sondern auch vor dem Blick des anderen (Geschlechts) schützen.

Allein das göttliche Tabu gibt zu denken: Rechnet der „Allwissende“ schon mit der Illoyalität seiner Geschöpfe, wenn er verbotene Früchte pflanzt und wie kann ohne die Erkenntnis von Gut und Böse ein Unrecht, gar eine Erbsünde, begangen werden?

Die Symbolik der Schlange

Diese argumentative Lücke füllt die Schlange. Sie verkörpert alles, was negativ besetzt werden kann: Als Kriechtier steht die Gattung für einen evolutionär niederen Status, ihr giftiges Serum macht sie zum tödlichen Feind und die gespaltenen Zunge wird zum hinreichenden Beweis und Symbol verderblicher Rede- und Überredungskunst.

Ihre Rhetorik der Verführung relativiert in der Genesis das göttliche Gebot. Eine unwiderstehliche Versuchung, der Eva als erste des schwachen Geschlechts „erliegt“: Von der Schlange überzeugt, dass die angeblich todbringende Frucht des verbotenen Baumes nur Erkenntnis fördernde Götterspeise sei, isst sie und veranlasst, dass auch ihr Mann anbeißt.

Genealogie der Sünde

War das Weibliche zunächst Appendix des Männlichen, so wird die chronologische Hierarchie der Geschlechter hier ins Gegenteil verkehrt: Die Frau übernimmt den „aktiven“ Part der Schlange als Urheberin des Sündenfalls und Anstifterin zur Erbsünde.

Zwischen erstgeborener Selbst-Herrlichkeit und geklonter Rippenschlange, zwischen verlorenem Paradies und hartem Los der Erdenbürger verhärtet sich in der Schöpfungsgeschichte die Geschlechterdifferenz zur moralischen Gegnerschaft: Als Sündenbock des Adamsgeschlechts beerbt das „Ewig-Weibliche“ seinen eigenen Mythos, wo an der Silhouette der femme fatale die schönen Schlangenlinien als Indiz einer verführerisch verderblichen Evatochter entdeckt werden.

doreen maas
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