D i e F r e m d e n

 

Es war keineswegs geklärt, wer sie waren und woher sie kamen. Dass es sie aber gab, oder schon immer gegeben hatte, schien unbestreitbar. Sie waren in der Überzahl und sie herrschten.


Anfangs waren es nur wenige gewesen, vielleicht gar keine. Es gab Gerüchte, nichts als Gerüchte, die damals aus den Vorstädten und den Vorstädten der Vorstädte kaum zu uns ins Zentrum drangen.


Dass man vorläufig nur von ihnen sprach, war zunächst Grund genug, an ihrer Existenz zu zweifeln. Man hörte diesen Geschichten aus den Vorstädten wie Kindermärchen zu und so kam es, dass man, obwohl sich bereits eine beinahe öffentliche Debatte entwickelt hatte, den Ereignissen nahezu unvorbereitet gegenüberstand. Gerade in der Zentrale neigte man dazu, in diesen Warnungen nichts anderes als die Wichtigtuerei von landflüchtigen Inanspruchnehmern zu sehen. Das allgemeine Interesse galt damals noch anderen Dingen.


Ein generell herrschendes Misstrauen gegen die Vorstädte, das bereits damals sehr verbreitet war und jetzt noch verstärkt durch den Makel der langen Reise zu Tage trat, verhinderte in der fremden, städtischen und ganz ungewohnten Umgebung den Glauben an ihre Berichte. Im Gegenteil – man amüsierte sich öffentlich über das Gerücht aus der Provinz und manche fanden sogar Anlass, ihr sonderbares Benehmen zu imitieren. Einige von uns behaupten, dass sie erst dadurch hatten Fuß fassen und so weit kommen können.


Dabei fiel zunächst nur Wenigen unter uns, einer kleinen misstrauischen Minderheit, Menschen, die selbst kaum Kontakt zur Zentrale besaßen und denen schon der geringste Anlass zur Sorge gereichen konnte, eine Änderung des allgemeinen und üblichen Zustands auf, während andere, vielleicht die Meisten, der Meinung waren, dass es keinen Grund zur Unruhe gäbe und alles auch weiterhin den gewöhnlichsten Gewohnheiten entsprach.


Sicher ist aber, dass man zuerst in den äußeren Bezirken auf sie aufmerksam wurde, obwohl man auch dort zunächst an ihrer Existenz zweifelte. Augenzeugen aus der Provinz hatten berichtet, dass sie kaum von gewöhnlichen Passanten zu unterscheiden waren. Sie kamen und gingen, wie es ihnen gefiel. Am liebsten hielten sie sich an öffentlichen Plätzen auf, taten dabei ganz beiläufig, etwa wie jemand, der gerade einen Spaziergang macht und sich nur die Beine vertritt.


Als die Leute in den Vorstädten begannen, die Veränderung zu spüren, war es bereits zu spät: Bald sah man sie überall, bald hier, bald dort, schlendernd auf- und abmarschieren, scheinbar ohne besonderes Ziel, doch immer einen seltsamen Verdacht in den Augenwinkeln verbreitend.


Dann gab es erste Berichte, dass sie sich in einigen kleinen Trupps, nur sehr verstreut und einzeln, ins Zentrum vorgewagt hatten. Am Nachmittag wollte man sogar auf dem Hauptplatz, ganz in der Nähe des Springbrunnens, einen von ihnen gesehen haben, wie er sich eine Zigarette anzündete. Diese Nachricht erregte großes Aufsehen und bald sprach man überall, wenngleich auch nur in Andeutungen, leise und hinter vorgehaltenen Händen, über diese Vorstöße aus den Peripherien des Landes.


Es gab plötzlich viele unter uns, die sich einen Tag frei nahmen, manche gaben ihre Arbeit ganz auf, lagen tagein, tagaus, ganz der aufgeregten Stimmung hingegeben, an besonders öffentlichen und für das Auftauchen verdächtiger Elemente wahrscheinlichen Plätzen auf der Lauer, besetzten Kreuzungen und Straßenecken, um sich selbst unerkannt und vor Ort von ihrer Existenz zu überzeugen.


Die Männer gingen in langen Mänteln und Hüten gegen Wind und Wetter geschützt, während die Frauen bei Regen große Schirme trugen, die sie weitaufgespannt, wie Göttinnen den eigenen Himmel, auf dem Handgelenk balancierten. Es gab viel Verkehr, oft stieß man im Vorbeigehen aneinander, so dicht drängte sich das Volk in den Straßen.


Nach und nach vernachlässigte man sämtliche Geschäfte, patrouillierte tag und nacht durch das Zentrum, und gerade die harmlosesten Beobachtungen riefen das größte Misstrauen hervor. Die Züge verspäteten sich, die Händler verspäteten sich, alles verspätete sich und wer noch einkaufen ging, stand vor verschlossenen Türen und ertappte sich für einen kurzen Augenblick im Spiegel der Schaufenster beim Wegsehen.


Niemand grüßte mehr den Anderen und sah man ein bekanntes oder gar vertrautes Gesicht, suchte man schnellstmöglich das Weite. Man zog es vor, unerkannt zu bleiben, verbarg sich aus Vorsicht vor allzu neugierigen Blicken hinter den eigenen Beobachtungen und drückte sich in Hauseingänge, um die Situation auch im Ernstfall, falls die Krise zum Äußersten gelangen sollte, in den Augen behalten und gegebenenfalls auf eigene Faust agieren zu können.
Niemand wollte unvorbereitet sein. Jeder war verdächtig. Immer neue Fluchtpläne mussten mit viel taktischer Raffinesse den sich verselbständigenden Eventualitäten angepasst werden. Vieles wurde erdacht und vieles wieder verworfen. Restlos auf die Zukunft gerichtet wartete man ab.

e. s.

 

 


Kurzkrimi


-Hinterrücks erschossen?
-Ja, Herr Kommissar.
-Wann geschah der Mord?
-Wir vermuten gegen Mitternacht, Herr Kommissar.
-Keine Zeugen?
-Nein, Herr Kommissar. Der Tote war allein.
-Nun, so allein kann er ja nicht gewesen sein.
-Nein, Herr Kommissar, wenn Sie das so sehen wohl nicht.
-Weiß jemand, wie der Mann heißt?
-Nein, Herr Kommissar.
-Aha, also wieder mal der unbekannte Tote.
-Jawohl, Herr Kommissar.
-Hört sich ganz nach einem neuen Fall für uns an.
-So scheint es, Herr Kommissar.
-Lassen sie doch den Kommissar und helfen Sie mir den Leichnam zu beseitigen.
-Jawohl, Herr Kommissar. Wie Herr Kommissar befehlen.
-Na, nun packen Sie schon an, Mann.
-Sofort, Herr Kommissar. Stets zu Diensten, Herr Kommissar.
-So, das wäre geschafft. Lassen Sie uns jetzt noch die Spuren verwischen.
-Jawohl, Herr Kommissar.
-Haben Sie die Tatwaffe schon gefunden?
-Leider Nein, Herr Kommissar.
-Die muss doch hier irgendwo noch rumliegen. Mörder lassen doch immer ihre Tatwaffe am Ort des Verbrechens zurück. Was sollen sie denn auch noch damit, wo alles schon erledigt ist. Suchen Sie mal da drüben.
-Jawohl, Herr Kommissar, stets zu Diensten, Herr Kommissar.
-Hören Sie doch endlich mit Ihrem Herr Kommissar auf. Wenn wir sie nicht finden, müssen wir Feuer legen und den ganzen Tatort abbrennen.
-Bitte gnädigst um Verzeihung, Herr Kommissar, aber der Tote wurde erschossen, es ist also wahrscheinlich, dass der Täter von einer Schusswaffe Gebrauch machte, und die sind aus Metall und verbrennen nicht.
-Da haben Sie ganz recht, Mann. Ein guter Gedanke, umso wichtiger also, dass wir die Kanone finden. Suchen Sie weiter.
-Wir könnten vielleicht sprengen, Herr Kommissar.
-Und wie könnten wir das, Sie Schlaumeier, ohne Sprengstoff?
-Bitte untertänigst um Verzeihung, Herr Kommissar, aber wir haben Sprengstoff.
-Mensch, Sie sind mir ja eine Granate. Wo haben Sie das Zeug denn so schnell aufgetrieben?
-Es lag bei der Leiche, Herr Kommissar.
-Was, der Ermordete hatte Sprengstoff bei sich, und das sagen Sie erst jetzt, Sie Knalltüte?!
-Ich dachte, dass...äh...die Leiche war schon tot...und Sie sagten....
-Mensch, hören Sie auf zu denken, um Gottes Willen. Wo ist der Sprengstoff jetzt?
-Entschuldigen Sie vielmals, Herr Kommissar. Vor Ihren Füßen, Herr Kommissar.
-Wie, der Wecker da?
-Mit Verlaub, Herr Kommissar, eine Bombe.
-Eine Bombe? Sind Sie sicher? Das wäre ja ein Ding. Ein Mord, eine Leiche und eine Bombe. Aber wie kommen Sie dazu, dieses Ding da als Bombe....
-Mit Verlaub, Herr Kommissar, aber die Zeit auf dem Wecker läuft rückwärts.
-Ein Countdown?
-Jawohl, Herr Kommissar, ich vermute es.
-Und wo steht der Zeiger jetzt?
-Zu Befehl, Herr Kommissar, kurz vor Zwölf, Herr...


e. s.

 

 

Die blaue Stunde

Auf dem Boden hatte sich ein Stapel Blätter verteilt, deren weißes Kleid hier und dort Falten warf, aus deren Schatten Wortfetzen auftauchten - ein Satz! und schon war er aufgesprungen, um zu ihnen zu eilen, lief und lief, bis ihm die Luft ausging und seine Augäpfel eine Rolle rückwärts machten. Sein Körper durchschnitt die milchige Luft in schön geschwungenen Linien, und wenn er eine Pirouette um die eigene Achse drehte, hatte er beinahe die Eleganz einer Baletttänzerin. Unter seinem linken erhobenen Arm hindurch erblickte er einen unglaublich langen Gang, dessen Ende er nicht absehen konnte.

Seine Schritte hallten wie in einem Palast – dann: Stille. Dem Verlauf des Teppichs folgend, auf seinem Rand balancierend, gelangte er schließlich an eine Tür, deren glänzende Klinke ihn blendete, sobald er die Hand danach ausstreckte. Automatisch sprang die Tür weit auf, einladend wie eine zurückgeschlagene Bettdecke, unter der sich ihm ein ganz und gar blauer Salon entblößte. Seine Verkleidung reichte vom Boden bis zur Zimmerdecke, und als er sich mit einem leicht taumelnden Schritt einer Wand näherte, bemerkte er, dass sie mit Stiften tapeziert war. In allen Größen und Formen hingen dort blaue Schreibgeräte dicht nebeneinander wie Buchrücken in einer endlosen Bibliothek.

Doch als er sie berührte, glühten die Stifte auf wie ein Stück Holz im Feuer, und verschämt trat er zurück. Unsicher darüber, ob seine Wahrnehmung ihm einen Streich spielte, näherte er seine Hand ein weiteres Mal dieser ungewöhnlichen Tapete. Diesmal brannten die Stifte weniger heiß, ließen sich jedoch nicht von ihrem Platz lösen, sodass er sich damit begnügte, mit den Fingerspitzen eine Reihe entlang zu streichen. Die Wand gab leicht nach – und geriet bald in eine wellenartige Bewegung, in der sie sich selbst zu verschlucken schien.

Irgendwo teilten sich die Stifte und in ebenfalls blauem Gewand trat eine Frauengestalt, deren Gesicht sich hinter einer Maske verbarg, hervor. Er hatte kaum Zeit, sich über ihr plötzliches Erscheinen zu wundern, denn im nächsten Augenblick schritt sie schon auf ihn zu und dabei erinnerten ihre Bewegungen und die Haltung ihres Kopfes ihn an irgendjemanden. Doch auch dieser Gedanke währte nur den Bruchteil einer Sekunde, nach dem er sich selbst zur Ordnung rief und beschloss, dass es das Beste wäre, sie anzusprechen.

„Guten Tag“, versetzte er vorsichtig, höflich und doch unbeholfen, wie er selbst fand. Die Maske antwortete nur mit dem zu einem Lächeln erstarrten Mund, und im selben Moment flatterte etwas dicht an seinem Ohr vorbei. Weniger erschrocken als erstaunt beobachtete er, wie sich ein kleiner Vogel auf die Schulter der Frau niederließ. Etwas Seltsames geschah: Er meinte, gerade das Aufleuchten eines Schriftzuges auf der Stirn der Frau bemerkt zu haben, die von der Maske nicht ganz verdeckt wurde. Aber er war durch den Vogel abgelenkt und als er wieder hinsah, konnte er nichts dergleichen entdecken.

„Verzeihen, Sie, wer sind Sie, Madame? Und, wenn Sie erlauben, dass ich frage: Wo sind wir hier?“ Die Maske senke sich ein wenig, während er eine fistelnde Stimme vernahm: „Sie ist stumm, mein Herr.“ Auf ihrer Schulter reckte sich der kleine Vogel ein wenig, bevor seine winzige Brust vor Stolz ballonähnlich anschwoll. „Ich bin ihr ständiger Begleiter, ihre rechte Hand sozusagen. Oder vielmehr: Ich bin ihre Stimme. Mein Name ist Vogel, aber mit F.“ „Wie?“ Die Situation begann, immer absurder zu werden. Das Tierchen räusperte sich: „Sie müssen es mit F schreiben. F.O.G.E.L. Fogel. – Warum lachen Sie, mein Herr?“

„Nun, ich sehe keinen Anlass dazu, mit Dir in Schriftverkehr zu treten, aber falls ich es doch tun werde, bedenke ich diese Schreibweise.“ Der Vogel – Fogel nickte bedächtig: „Aber ja doch, mein Herr, Sie werden sehen, dass Sie schon sehr bald einen regen Schriftverkehr, wie Sie es nennen, haben werden. Und dann ist es doch nur gut, wenn man weiß, wie man etwas zu schreiben hat.“ Bei diesen Worten war der Fogel ganz aufgeregt von einem Bein auf das andere getreten und hatte sich erst am Ende der kleinen Ansprache wieder beruhigt.

Der unfreiwillige Gast selbst wurde nervöser, je länger die kleine Unterhaltung dauerte. Er hatte das dringende Bedürfnis, den Raum zu verlassen, denn ein nicht näher zu bezeichnendes Unbehagen zuckte in seinen kalt feuchten Handflächen: An dem starren Lächeln seiner Gastgeberin haftete eine stumme Aufforderung, deren Sinn er nicht verstand. Aus Verlegenheit sah er sich um: Auf dem Boden verstreut lagen wieder die weiß gekleideten Blätter, vor denen er niederkniete.

Er legte die Tage zusammen und fächerte sie wieder auf in der Nacht, langsam und sorgfältig wie Uhrzeiger ihre Stunden drehen. Wie zerbrechlich alles ist, dachte er, ein Stück Glas in der Hand wiegend, auf dessen Grund vorher zäh und träge ein kleiner roter Tropfen geklebt hatte, der nun verschwunden war. Dann starrte er wieder minutenlang auf die dunkle Fensterfront gegenüber, wie um noch einen Einblick zu erhaschen, aber alles schlief schon längst.

d.m.

 

 

Nachtwache

Mit triefendem Haar lief sie dorthin, wo er sie erwartete. Sie war viel zu spät für eine Heimkehr. Doch der Schlüssel passte zu dieser Tür, sie staunte immer noch darüber, dass er sich drehen ließ und es dort einen Kühlschrank, die monatliche Miete und das gemeinsame Bett gab. Nur der Schlaf ließ sich nicht teilen.


Nachts sah sie auf seinen Brustkorb, in dem das fremde Herz schlug und zählte die Sekunden, während sein Atem gleichmäßig und schwer ging. Sie selbst schlief nicht und brachte nur das Dunkel hinter sich. Schon als Kind hatte sie nicht verstehen können, warum man nicht sah und die Dämmerung herbeigewünscht. Leise war sie auch damals wieder aufgestanden und heimlich durch ihr Zimmer geschlichen, hatte einer Puppe über das künstliche Haar gestrichen und vor der Spieluhr stumm ein Lied gesungen.


Nun musste sie noch stiller sein, damit er nicht aufwachen würde. Langsam, sachte, sachte, hatte sie sich aus seinem Arm gedreht, dann erst eine Weile am Fußende des Bettes gekauert, von wo aus sie den Mond im Fensterrahmen beobachtete, um sicher zu gehen, dass alles ruhig blieb. Es war nur ein Traum, den sie nicht stören wollte.


Es gab einen Weg durch das Mondscheinzimmer, auf dem sie lautlos umherirrte, wie auf Gedankenbahnen. Er führte nirgendwohin, manchmal vorbei an der Küchentür in den Flur, in dem ihr schwarzer Regenmantel hing. Wie eine Schnecke schlichen ihre Füße über den Boden und hinterließen kleine Spuren auf dem Teppich.


Sie folgte ihrer dunklen Fährte und verspürte eine leise Heiterkeit, wenn sie unbemerkt zum Bett zurückkehrte. Mit einem Lächeln streckte sie ihre Beine wieder unter die Decke und schloss die Augen bis zum Morgengrauen. Am Ende der Nacht war es angenehm, dass sie bei seinem Körper einen festen Platz hatte, an den sie ihre Schlaflosigkeit schmiegen konnte.

d.m.

 

 

Schreckliche Geschichte

Was Egon nicht feststellen konnte, war, ob sich etwas geändert hätte. Seine Frau zumindest, die jeden morgen noch vor ihm aufstand, sein Frühstück zuzubereiten, nicht. Auch die Möbel in den Zimmern des Hauses, in dem sie lebten, standen noch an ihren gewohnten Orten. Wenn er Freunde traf, unterhielt man sich unangestrengt, was jedoch nicht die Tatsache überspielen konnte, dass Egon sie argwöhnisch beobachtete, währenddessen, ob sie nicht vielleicht etwas zu überspielen versuchten. Aber entweder waren sie darin geschickter, so zu tun, als ob sie ihm etwas nicht sagen wollten, oder, wie es bei zweien oder dreien der Fall war, wenn Egon sich sicher war, sie dabei ertappt zu haben, dass sie ihm etwas verbergen, und sie darauf ansprach, wollten sie einfach nicht damit herausrücken. So blieb ihm nichts übrig, als sich jeden Morgen an den gedeckten Frühstückstisch zu setzen und ruhig mit seiner Frau Kaffee zu trinken, die damit auf ihn wartete. Danach zur Arbeit zu gehen, wo er wiederum vor seinen Kollegen nicht verbergen konnte, dass es ihn wurmte, dass es dort etwas geben musste, was ihm verborgen war.


Auch achtete er nun auf jede Kleinigkeit, die ihm unter die Augen kam, jede Situation seines Alltags nahm er genau unter die Lupe, ob sich hier etwas zeigen würde, das ihm zumindest einen Anhaltspunkt geben könne, was los sei. Viele Ereignisse, die ihm einmal aufgefallen waren, notierte er sich sofort in einen kleinen Notizblock, um den Vorfall dann am Abend, vielleicht aber auch erst am nächsten Tag auszuwerten.


Das sah folgendermaßen aus: Wurde er zum Beispiel abends auf dem Balkon seiner Wohnung von einer Wespe dermaßen umschwirrt, und selbst, wenn er aufstand und mit der Zeitschrift, die er in der Hand hielt, um sich, in Richtung der Wespe schlug, sie sich dennoch nicht abschütteln ließ, sondern sofort hinter seinem rechten Ohr wieder hektisch auf und nieder stieg, nahm er seinen Notizblock hervor, sobald die Plage vorüber und die Wespe davongeflogen war und vermerkte dies mit Datum und Uhrzeit.


Nun ist dieses Beispiel nicht besonders gut gewählt, da es sich um einen Fall handelt, der Egon ein ganzes Jahr hindurch hinhielt, als einer der auffälligeren Indizien dafür, dass etwas mit ihm im Argen lag. Nach diesem Jahr jedoch, es war wiederum, wie im ersten Fall, Frühling, konnte er die Notiz als für seine Recherchen unwichtig abhaken, da er nämlich wiederum durch eine Wespe in gleicher Weise geplagt wurde, nur diesmal auf offener Straße.


Das übliche Verfahren seinerseits ist hierdurch jedoch gut gekennzeichnet, da er mit allen seinen Notizen so verfuhr, dass er sie abhakte, sobald ihm Gleiches in gleicher Weise wiederfuhr. Manches konnte er, wie gesagt, schon am selben Tag abhaken, anderes, was die Woche, oder den Monat überdauerte schrieb er sich genauestens heraus, es in seinen Listen vermeintlich ungewöhnlicher Vorfälle zu führen.


So gingen einige Jahre dahin, in denen sich nicht viel änderte. In Egons Listen fanden sich mal mehr, mal weniger dieser Notizen, für die er keine Entsprechungen gefunden hatte, die eine Veränderung negiert hätten. Seine Frau bereitete ihm noch immer täglich sein Frühstück zu, bevor er zur Arbeit ging. Er hatte ein wenig abgenommen, zumindest wenn man daran glauben sollte, was die Waage anzeigte. Dennoch, sein Argwohn, dass ihm etwas verborgen geblieben war, hatte über die Jahre nicht abgenommen und seine Frau und die Freunde, die mitbekommen hatten, wie er akribisch seine Listen führte und wie er scharfsinnig, nicht das Interessante, sondern das Profane beobachtete und in seinen Notizblock eintrug, lächelten im Stillen manchmal über seinen Tick, doch war dies nichts, was sie ihm verborgen hätten.


Er war, ohne Frage, älter geworden und die Dinge lagen ihm schwerer in der Hand. Wenn er den Sonnenschirm aufstellte, auf dem Balkon, im Sommer, oder eine Wasserkiste die Treppe hinauf trug, konnte er deren Gewicht schon spüren und musste mehrmals ansetzen, ehe es ihm gelang. Auch die kleineren Gegenstände wurden von seinen Händen nicht mehr so selbstverständlich festgehalten. „Buttermesser aus der Hand gerutscht“ stand zum Beispiel, abgehakt, auf einem der vielen abgehefteten Zettel eines seiner Notizblöcke. Ob es daran läge, dass er nicht genug esse, versuchte er seine Gewichtsabnahme und seine Kraftlosigkeit zu verstehen. Also gab es an jedem Tag ein, später zwei Stücke Kuchen, den seine Frau vom nahegelegenen Konditor kaufte. Das half aber nichts. Die Waage zeigte jeden Morgen ein bisschen weniger an, als am Morgen zuvor. Schließlich ging Egon zum Arzt, der ihm sagte, dass dies im Alter so sei und auch die Tatsache, dass ihm die Dinge schwerer in der Hand lägen und manchmal eben auch herausfielen.


Er ging dann beruhigt wieder nach Hause. Es war nichts, was sich seinem Interesse aufgedrängt hätte. Es war sein Alter. Demnächst würde er ohnehin in Rente gehen und dann würde es auch nichts ausmachen, wenn er schwächer wäre. Laufen konnte er übrigens noch ohne Probleme. Es fiel ihm sogar leichter, als noch vor einigen Jahren. So hatte er geplant, lange Spaziergänge zu unternehmen, sobald er pensioniert wäre und die Zeit dazu hätte.
Nur sein Gewicht wurmte ihn. Er vergaß darüber sogar, sich Notizen zu machen, dass er sich zum Beispiel zuvor an einem kleinen Zweig gestoßen hatte, den er hatte wegtreten wollen, weil er auf dem Weg lag. Nein, die Zahl, die seine Waage da anzeigte, war zu niedrig. Und das, obwohl er sichtlich nicht allzu dünn war. Er äußerte Bedenken gegenüber seiner Frau, ob er mit dieser geringen Masse noch allzu lange leben könne und bekannte ihr seine Liebe, die in all den Jahren, da sie verheiratet gewesen waren, immer an Ort und stelle und in seinem Herzen gewesen sei. Nur, um die Gelegenheit auf jeden Fall noch einmal nutzen zu können, ihr das zu sagen, bevor sein Körper wegen seiner geringen Masse sich nicht mehr werde am Leben halten können. Darauf kam es zu einem kleinen Streit zwischen den beiden, da Egons Frau seiner Meinung nach nicht angemessen reagierte, sondern ihm lächelnd noch Aussichten auf ein langes Leben, hier unten, mit ihr, machte, in dessen Verlauf er noch oft die Gelegenheit haben würde, ihr seine Liebe zu beweisen, so wie sie das tue und wie sie beide das die ganze Zeit getan hätten. Dann gingen beide ins Bett.


Am nächsten morgen beklagte sich seine Frau direkt nach dem Aufwachen darüber, dass Egon ihr in der Nacht des öfteren die Bettdecke weggezogen habe, wovon der selbstverständlich nichts wusste, sich das aber merkte, um es bei nächster Gelegenheit seinen Notizen zuzufügen. Doch dazu kam es nicht mehr.
Egons Frau war schon aufgestanden, um das Frühstück zuzubereiten, wie jeden Morgen, während er selbst noch unter der Bettdecke lag. Sobald er aber aufgewacht war und die Bettdecke zur Seite schlug, stieg sein Körper, ohne dass er sich hätte wehren können, schwerelos nach oben, in Richtung der Zimmerdecke. Mit einer Hand hielt er sich reflexartig an einem Zipfel der Bettdecke fest, die schwer genug war, ihn in halber Höhe im Raum zu halten. Er rief verzweifelt nach seiner Frau, die er in der Küche mit dem Geschirr klimpern hören konnte, doch war seine Stimme nicht stark genug, auch nur einige Meter weit zu gelangen. Also blieb ihm nichts, als in dieser Position zu verharren, auf halbem Weg, zwischen Fußboden und Zimmerdecke. So wartete er, bis seine Frau, verwundert, warum er noch nicht vom Bett aufgestanden sei, ins Zimmer trat und im Schreck, was los sei, Egon die Decke aus der Hand riss, in dem Glauben, dass die Schuld für Egons Schwebezustand darin lag, dass er die Decke so verkrampft festhielt, worauf hin Egon unsanft gegen die Zimmerdecke stieß und dort erst mal liegen blieb. Seine Frau verließ fluchtartig, mit einigen Beschimpfungen, die aus ihrem Mund kamen, das Zimmer sofort wieder.


Egon robbte sich mit einiger Anstrengung vor, bis zur Tür, die zum gemeinsamen Wohnzimmer führte, fand Halt am Türrahmen, zog sich hinunter, schaffte es, die Tür zu öffnen und sich ins nebenliegende Zimmer zu ziehen, worauf hin er an der Wohnzimmerdecke wieder zum Stillstand kam. Was er seiner Frau, die dort außer sich stand und auf ihn einredete, sagen wollte, war nicht kräftig genug, um bis zu ihr vorzudringen. Sie fiel schließlich in Ohnmacht nach hinten um und lag am Boden, weit von ihm entfernt. Egon wünschte, er hätte einen Stift und einen Notizblock, um nun endlich die Eintragung zu machen, nach der er die ganzen Jahre über getrachtet hatte. Die Notiz, die ihm verraten sollte, was sich mit ihm ereignet hätte, was sich so lange hingezogen hatte, dass es nicht wahrnehmbar war. Er versuchte sich an all die Einträge zu erinnern, die bisher noch nicht mit einem Haken versehen waren. Und reumütig erinnerte er sich an all diejenigen, die er leichtsinnigerweise als für seinen Fall irrelevant verworfen hatte, nur aus dem Grund, dass er in ihnen eine wiederkehrende Tatsache, nicht eine stete Veränderung des Dagewesenen gesehen hatte. Wütend, sich selbst gegenüber, seine geliebte Frau am Boden außer Acht lassend, krabbelte er mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, an der Decke entlang in Richtung Balkontür. Auch diese schaffte er zu öffnen, indem er sich mit beiden Füßen an der Decke abstützte, so die Hände frei habend, in deren Höhe sich der Türgriff befand. Die Oberkante des Türrahmens drückte ihm ein wenig den Bauch ein, bevor er in die Freiheit hinaus gelangte.


Ein bisschen Wehmut fühlte er schon, als er sich erst langsam, bald immer schneller von seinem Balkon entfernte, das Haus, die Straße, dann die ganze Stadt sich unter ihm entfernen zu sehen. So driftete er, die Welt wurde immer runder, immer weiter hinaus ins Weltall. Es wurde dunkel, als er aus der Atmosphäre austrat, während rund um die Weltkugel die Sterne anfingen zu leuchten und der Mond aufging. Als er sich weit genug entfernt hatte, erwachte seine Frau im Wohnzimmer aus ihrer Ohnmacht und sagte ganz leise, so dass er es hören konnte: „Ich liebe Dich.“


m. kremer

stOckwERk

 

Zeitschrift für

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