viSiOnen
Szenen von Übermorgen:
Die Katastrophe im Film
Und Gott sprach: ich will den Menschen, den ich geschaffen
vom Erdboden vertilgen, vom Menschen bis zum Vieh und zum Kriechtier,
er reut mich sie gemacht zu haben.
Bekanntermaßen setzt Gott seinen Plan in die Tat um und die
ganze Erde unter Wasser, aber erst, nachdem er den ihm wohlgefälligen
Noah mit detaillierten Instruktionen für den Katastrophenfall
versorgt hat.
Gerade mal drei Seiten liegen in der Bibel zwischen der Erschaffung
des Lebens und seiner fast vollständigen Vernichtung. Katastrophen
durchziehen die Mythen der Menschheit von ihren Anfängen. Sodom
und Gomorra, Atlantis, Pompeji. Und immer gleichen sich die Versuche
der Sinnlosigkeit der hereinbrechenden Naturgewalt Sinn abzugewinnen.
Hybris und/oder Sündhaftigkeit des Menschen ziehen den Zorn eines
oder mehrer Götter auf sich. Kann man die Bewohner von Sodom
und Gomorra, trotz wie auch immer gearteter sexueller Vorlieben, getrost
als unschuldig an ihrem Untergang betrachten, wird die alte Idee der
durch Hochmut selbstverschuldeten Katastrophe erst mit den im Verlauf
der Industrialisierung rasant wachsenden technischen Möglichkeiten
zur Tatsache. Mit immer größeren Transportmitteln, für
immer mehr Menschen, wächst auch die Gefahr der Katastrophe.
Und mit dem immer fester werdenden Glauben an die eigene Macht und
Unverwundbarkeit, wirkt auch dessen Erschütterung um so radikaler.
So verwundert es nicht, dass das neuentstandene Medium des Films in
der Katastrophe eines seiner ewigen Themen findet. Schon 1897, ein
Jahr nach den ersten Vorführungen der Brüder Lumiere, entsteht
die erste Filmfassung der „letzten Tage von Pompeji“.
Der Untergang der Titanic, der wie kaum eine andere Katastrophe zum
Menetekel menschlicher Allmachtsträume wurde, erschien noch im
selben Jahr auf der Leinwand.
Seine Hochphase erlebt der Katastrophenfilm aber erst in den 70er
Jahren. Er tritt an die Stelle der Science-Fiction, die in den vorangegangenen
zwei Jahrzehnten die Autokinos füllte. Die Angst vor der Invasion
oder Infiltrierung durch die „Fremde Macht“, die sich
in Filmen wie „Invasion of the Body Snatchers“ und „War
of the Worlds“ niederschlug, und kaum verhüllt die amerikanische
Kommunismusparanoia widerspiegelt, wird abgelöst durch die Angst
vor der entfesselten Naturgewalt und der Störanfälligkeit
der eigenen technischen Errungenschaften. Den Auftakt bildet Airport,
in dem ein Jumbo-Jet nach einer Bombendetonation auf einem verschneiten
Flugfeld notlanden muß. Der Mensch, der so viel Mühe und
Geschick darauf verwendet hat, den Himmel zu erobern, ist nurmehr
verzweifelt damit beschäftigt, wieder heil auf den Boden zu kommen.
Das veränderte Bedrohungsszenario bringt auch einen neuen Heldentypus
hervor. In einem Kampf der nicht gewonnen, nur überstanden werden
kann, verliert außergewöhnliche körperliche oder geistige
Stärke ihren Wert. An ihre Stelle tritt Willenskraft, Durchhaltevermögen
und Opferbereitschaft. In der Katastrophe schlägt die Stunde
des kleinen Mannes, der veranlaßt durch die Ausnahmesituation
über sich hinauswächst. Kampf ist hier zunächst und
vor allem Kampf gegen sich selbst. Die Katastrophe ist immer auch
Bewährungsprobe.
In Earthquake, geht der resignierte Polizist Slade (George Kennedy,
der auch schon in Airport eine führende Nebenrolle spielte) aus
den Prüfungen der Katastrophe mit der wiederbelebten Gewissheit
hervor, dass sein Handeln etwas bewirken kann, Einmischung nicht fruchtlos
ist. In seinem Endgegner, dem Reservesergeanten im Machtrausch, wird
die Kehrseite der Selbstfindung in der Ausnahmesituation vorgeführt.
Der gedemütigte Supermarktkassierer nutzt die ihm unerwartet
zugefallne Macht im Ordnungsvakuum, um sich an seinen Peinigern zu
rächen und bringt ein Mädchen in seine Gewalt, bevor er
von Slade gestoppt wird.
Mit James Camerons Titanic erlebt der Katastrophenfilm in den späten
Neunzigern eine Renaissance. Mit ungeheurem Aufwand verschwendet Cameron
hier die Gelegenheit, das Panorama einer abgelebten Gesellschaft auf
direktem Kurs in den Untergang zu entwerfen, an ein süßliches
Es-waren-zwei-Köngiskinder-Drama unter klebrigem Fanta-Pinkgrapefruit-Himmel.
Ärgerlich ist vor allem seine plumpe Zwei-Welten Lehre. Während
die Oberklasse als borniert mißgünstig und leibfeindlich
gezeichnet wird, eingesperrt ins Korsett der eigenen Etikette, erweist
sich die Gesellschaft des Unterdecks als lebensfrohes Völkchen,
das seine Zeit vor allem mit Singen und Tanzen verbringt. Die Katastrophe
dient in erster Linie als Vehikel, um die einfallsfrei erzählte
Liebesgeschichte durch Tragik aufzuwerten.
Nicht zuletzt der Erfolg von Titanic schwemmt in den folgenden Jahren
eine Welle mittelklassiger Katastrophenfilme in die Kinos. Neben der
Urangst vor der Gefahr aus dem Erdinneren (Volcano, Dantes Peak) stellt
wieder die drohende Zerstörung aus dem All das Thema dieser Streifen.
Statt unfreundlichen Außerirdischen, sind es hier riesige Meteoriten,
die auf die Erde zusteuern. Mit der Angst vor dem Weltuntergang angesichts
der nährerrückenden Jahrtausendwende ködern Filme wie
Armageddon ihre Zuschauer und entlassen sie nach 2 ½ Stunden
mit dem neugewonnenen Vertrauen in männliche Sprengkraft und
Opferbereitschaft, die auch noch so große Brocken aus dem Weg
bomben kann.
Ausgerechnet Roland Emmerich, der mit Independence Day die Alien Attacke
wiederbelebte und den endgültigen wie unnötigen Beweis lieferte,
dass sich dieses Sujet wie wenige andere für ausgiebige patriotische
Exzesse eignet, hat mit Day after Tomorrow einen Katastrophenfilm
vorgelegt, der das Genre bestimmt nicht neu erfindet, aber die Archetypen
in eine zeitgenössische Problematik überführt.
Bereits mit Godzilla greift Emmerich das Thema der durch Umweltzerstörung
selbstverschuldeten Bedrohung auf. Während hier der atomare Mutant
noch in der Tradition des Angst und Schrecken verbreitenden urzeitlichen
Ungeheuers steht, das mit militärischer Raketentechnik zur Strecke
gebracht werden kann, und die atomare Verseuchung als billiger Vorwand
für ein gigantisches Explosionsspektakel dient, in dem schlußendlich
die überlegene menschliche Technologie triumphiert, wird in Day
after Tomorrow der Rückschlag der Natur zwar auch blockbustertauglich
zugespitzt, aber tatsächlich ernstgenommen.
Die Endzeitstimmung dient nicht mehr nur zur bloßen emotionalen
Stimulans eines pyrotechnischen Voyeurismus, sondern entwirft ähnlich
wie The day after ein Szenario, in dem das Potential der tatsächlichen
Bedrohung realisiert wird. Hier bringt der menschlich verursachte
Treibhauseffekt die Polkappen zum Schmelzen, wodurch der klimastabilisierende
Golfstrom abkühlt und eine neue Eiszeit anbricht.
Die Hauptfigur (gespielt von Dennis Quaid) übernimmt im ersten
Teil des Filmes die Rolle des Propheten. Er ist der Wissenschaftler,
dessen Warnungen vor dem drohenden Unheil auf taube Ohren stößt.
Als er schließlich den zaudernden Präsidenten überzeugen
kann, hat er diese Aufgabe erfüllt und kann in die Heldenrolle
wechseln. Er begibt sich auf seine Quest. Nur gilt es hier nicht eine
verwunschene oder gefangengehaltene Prinzessin zu befreien, sondern
seinen Sohn aus dem von der Kälte eingeschlossenen New York.
Verwunschen ist aber die Welt, die er auf seinem Weg durchquert. Menschenleer
unter Schnee und Eis verborgen. Geradezu märchenhaft ist die
Szenerie der Reise. Scotts Expedition zum Südpol und die Suche
nach dem Schloß der Schneekönigin mischen sich miteinander.
Die Menschheit kehrt an ihre Anfänge zurück. Der warme Schein
des lebenserhaltenden Feuers steht der kalten Reflexion der grenzenlosen
Eiswüste entgegen.
Mit dem Aspekt der Eingeschlossenheit korrespondieren auch die Türen,
die leitmotivisch den Film durchziehen. Einerseits erscheint die Tür
als Schott, das den Schutz-Raum abschließt. Hier wird die Tür
von Innen gesehen. Andererseits ist sie Übergang und Eröffnung
einer veränderten Welt. Dann wird die aus dem Horrorfilm geläufige
quasi hypnotische Anziehungskraft der Tür wirksam. Obwohl man
ahnt, was einen hinter ihr erwartet, muß man sie trotzdem öffnen,
um Gewissheit zu erlangen. Wie das zweimalige symbolträchtige
Erscheinen der Flagge, dient der gedoppelte Lichtschein, der unter
der geschlossenen Tür hervordringt, als Strukturelement, der
die Bewegung des Films vom Leben zum Tod und zurück zum Leben
markiert.
Gerade in seiner zurückhaltenden Darstellung des Sterbens unterscheidet
sich der Film von den meisten anderen Exemplaren des Genres. Hier
werden nicht ständig schreiende Statisten von herabstürzenden
Betonpfeilern erschlagen und angstverzerrte Gesichter in Großaufnahme
aneinandergereiht, um die Entsetzlichkeit der Ausnahmesituation zu
illustrieren.
Sterben vollzieht sich fast ausschließlich außerhalb des
Bildes, wird der Vorstellung des Zuschauers überlassen und gewinnt
so an Eindringlichkeit. Selbst wenn der Tod gezeigt wird, dann meist
nicht direkt, sondern vermittelt. Während Tornados L.A. verwüsten,
und nebenbei das Hollywood-Sign ausrupfen, (die Traumfabrik zerpflückt
sich selbst) muß ein Angestellter der Wetterwachte im Fernsehen
mit ansehen, wie das Auto seines Chefs von einem Truck zermalmt wird,
wie eine Fliege von einer Zeitung. Nicht das Spektakel des Sterbens
wird vorgeführt, sondern die schmerzliche Gewißheit eines
abgeschnittenen Lebens erzeugt.
Auch für das Verhältnis von Zivilisation und Natur findet
Emmerich eindrucksvolle Bilder. Die engen Trichter der Tornados wirken
wie Nabelschnüre zwischen Himmel und Erde. Wenn das Meer in die
Straßenschluchten New Yorks flutet, ergreift die unauslotbare
Tiefe und Ewigkeit des Elements Besitz von der Großstadt. Die
Titanic, hellerleuchtetes Flaggschiff zivilisatorischer Gigantomanie,
verwandelt sich in einen schmutzigbraunen Frachter, der führerlos
durch die Kanäle treibt.
Hort und Bollwerk menschlicher Kultur wird die Bibliothek. Um sich
vor der Kälte zu schützen, beginnen die Eingeschlossenen
die Bücher zu verbrennen. Bücher werden zu (Überlebens-)
Mitteln. Tradition heißt bewahren des Feuers, nicht Anbetung
der Asche. Gegen diese Zweckentfremdung verteidigt der Bibliothekar
die Gutenbergbibel als Ausgangspunkt der Aufklärung menschlicher
Kultur und Symbol der Größe menschlichen Geistes, ohne
die Überleben sinnlos wird. Das mag etwas brachial symbolisch
sein, zumal im Fortschrittsglauben der Aufklärung Voraussetzungen
für die Katastrophe geschaffen wurden, ist aber dennoch sympathisch.
Angesichts des chronischen US-Patriotismus, für den der Neubürger
Emmerich bislang berüchtigt war, überraschen die kritischen
Untertöne des Films. Natürlich werden im Grundmotiv der
Rettung der Kinder amerikanische Primärtugenden zelebriert. Aber
auch diese werden im Kontext der zukunftsbedrohenden Katastrophe und
der märchenhaft archetypischen Anklänge um eine weitere
Sinnebene bereichert.
Alle offiziellen Autoritäten versagen. Der nicht zufällig
an Dick Cheney erinnernde Vize-Präsident verschließt sich
bis zum Ausbruch der totalen Katastrophe allen Warnungen. Aber auch
der einfache Polizist, klassische Gegenfigur zum machtverblendeten
Würdenträger, erweist sich als fehlgeleiteter Führer,
der mit den Teilnehmern seines Antiexodus den Tod findet.
Den Höhepunkt bildet die schon aus Indenpendence Day geläufige
Schlußrede des Präsidenten. Aber während dort ein
juveniler Präsident in Pilotenjacke, nach der gewonnenen Schlacht
die Welt unter dem Sternenbanner zusammenruft (offensichtlich direktes
Vorbild des momentanen Amtsträgers), bekennt hier ein weißhaariger
Politiker als Flüchtling in Mexiko, Demut und Hilfsbedürftigkeit
der ehemaligen Supermacht. Nicht nur das Verhältnis von Einwanderungs-
und Auswanderungsland wird ironisch vertauscht, sondern durch die
Eiszeit findet auch eine Neubewertung des äquatorialen Armutsgürtels
statt.
Die Katastrophe hinterläßt eine veränderte Welt. Und
wie schon im biblischen Mythos birgt die Zerstörung zugleich
auch die Möglichkeit des Neuanfangs. Emmerichs Zukunftsvision
schwelgt nicht in apokalyptischer Endzeitstimmung und schwefliger
Stickstoffatmosphäre, sondern schließt mit einem Plädoyer
für eine bessere Welt: Noch nie war die Luft so rein wie heute.
t. lenartz
gut beraten von e. stern